Stellen Sie zunächst die Frage: wenn selbst die Väter dieser Jünglinge in ihren Überzeugungen nicht besser, nicht fester, nicht gesünder sind; wenn diese Kinder in ihren Familien schon von kleinauf nur Zynismus und hochmütige, gleichgültige (meistenteils gleichgültige) Verneinung erlebt haben; wenn das Wort Vaterland vor ihnen nie anders als mit einem spöttischen Zug um den Mund ausgesprochen worden ist; wenn alle, die sie erzogen, sich zu der Sache Rußlands nur mit Verachtung oder Gleichgültigkeit verhalten haben; wenn die großmütigsten unter ihren Vätern und Erziehern ihnen immer nur „allgemein-menschliche“ Ideen gepredigt haben; wenn schon ihre Kinderwärterinnen davongejagt wurden, weil sie an ihren Wiegen trotz des Verbots das Gebet an die Gottesmutter sprachen, – so sagen Sie doch: was kann man danach von diesen Kindern verlangen, und ist es dann noch human, bei einer Verteidigung der Jugend, wenn sie einer solchen bedarf, das Ganze für sich selbst mit einfacher Leugnung der Tatsache abzutun?

Vor kurzem fiel mir in unserer Tagespresse folgendes Entrefilet auf:

„Die ‚Kama- und Wolga-Zeitung‘ berichtet, daß in diesen Tagen drei Gymnasiasten des zweiten Gymnasiums in Kasan, Quintaner, zur Verantwortung gezogen worden sind wegen eines Vergehens, das mit ihrer geplanten Flucht nach Amerika in Verbindung stand“ ... (St. Petersburger Nachrichten vom 13. November.)

Vor zwanzig Jahren wäre mir die Nachricht, ein paar Gymnasiasten, Quintaner, hätten nach Amerika zu fliehen beschlossen, als unsinniges Geschwätz erschienen. Doch schon in dem einen Umstande, daß eine solche Nachricht mir jetzt nicht mehr als Unsinn erscheint, sondern als eine Sache, die ich, im Gegenteil, verstehe, – ja, schon in diesem einen Umstande sehe ich bereits ihre Rechtfertigung!

Ihre Rechtfertigung! Mein Gott, kann man denn das so sagen!

Ich weiß, das sind nicht die ersten Gymnasiasten, auch andere sind schon vor ihnen geflohen, und zwar, weil wiederum ihre älteren Brüder oder ihre Väter geflohen waren. Erinnern Sie sich der Erzählung Kelssijeffs von dem armen kleinen Offizier, der zu Fuß über Torneo und Stockholm zu Herzen nach London floh, wo dieser ihn in seiner Druckerei als Setzer anstellte?[109] Und erinnern Sie sich der Erzählung Herzens von dem jungen Kadetten, der, wenn ich mich nicht irre, nach den Philippinen auswanderte, um dort die Kommune einzuführen, und Herzen 20000 Franken für die zukünftigen Emigranten übergab?[110] Und solche Fälle gab es schon in einer Zeit, die heute für uns doch bereits längst historisch ist! Und wer ist seitdem nicht schon ausgewandert, um in Amerika „freie Arbeit“ in einem „freien Staate“ zu erproben: Greise, Väter, Brüder, Jungfrauen, Gardeoffiziere ... höchstens Seminaristen hat es unter ihnen vielleicht noch nicht gegeben. Sind nun diese kleinen Kinder anzuklagen, diese drei Gymnasiasten aus der Quinta, wenn die großen Ideen von der „freien Arbeit im freien Staate“ und von der Kommune und vom allgemein-europäischen Menschen auch ihre schwachen Köpfchen überwältigt haben? Sind sie anzuklagen, weil dieses ganze Gewäsch ihnen als Religion und der Absenteismus und der Verrat am Vaterlande als lobsame Tat erschienen? Wenn man sie aber anklagt, dann stelle man doch fest, inwieweit das ihre Schuld war? – das ist doch noch die Frage.

Der Verfasser des kleinen Artikels in der „Russischen Welt“ führt zur Bekräftigung seiner Auffassung, daß an „ähnlichen Verrücktheiten“ nur müßige, unreife Faulenzer beteiligt seien, die schon bekannten und so erfreulichen Worte des Ministers der Volksaufklärung an, die der Minister in Kiew nach der Besichtigung der Unterrichtsanstalten in sieben Kreisen geäußert hat: daß „in den letzten Jahren die Jugend sich unvergleichlich ernster zur Wissenschaft verhalte, viel mehr und unvergleichlich gründlicher arbeite, als früher“.

Ja, das sind natürlich erfreuliche Worte, Worte, die vielleicht unsere einzige Hoffnung enthalten. In der Unterrichtsreform der gegenwärtigen Regierung liegt fast unsere ganze Zukunft und wir wissen das. Aber derselbe Minister hat in derselben Rede, wie ich mich erinnere, auch erklärt, daß man auf die definitiven Früchte der Reform noch lange wird warten müssen. Wir haben immer daran geglaubt, daß unsere Jugend mehr als nur befähigt ist, sich ernster zur Wissenschaft zu verhalten. Doch vorläufig ist rings um uns noch ein solcher Nebel von falschen Ideen, umgeben so viele Vorspiegelungen und Vorurteile sowohl uns wie auch unsere Jugend, und nimmt unser ganzes gesellschaftliches Leben, das Leben der Väter und Mütter dieser Jugend, immer mehr eine so sonderbare Gestalt an, daß man manchmal unwillkürlich nach allen nur möglichen Mitteln sucht, um aus den Zweifeln herauszukommen. Eines von solchen Mitteln ist: selbst etwas weniger herzlos zu sein, sich wenigstens manchmal nicht dessen zu schämen, daß irgend jemand einen deshalb einen Bürger nennt, und ... wenigstens manchmal die Wahrheit zu sagen, – selbst wenn diese nach Ihrer Meinung, meine Herren, nicht genügend liberal ist.

„Tagebuch eines Schriftstellers“
aus dem Jahre 1876.

George Sands Tod[111].