„Die Gegend, in der unser Landgut lag, war sehr anheimelnd und malerisch. Das kleine mit Lehm bestrichene Häuschen, das aus drei Zimmern bestand, lag in einem Lindenhain, der ziemlich groß und schattig war. Ihn trennte nur ein schmales Feld von einem dichten Birkenwalde, in dem es eine recht unheimliche, wilde, von kleinen Schluchten oder Erdklüften durchzogene Stelle gab. Dieser Wald hieß Brykowo (den Namen finden wir gleichfalls, und zwar in den ‚Dämonen‘) und wurde von meinem Bruder sehr geliebt, weshalb wir ihn unter uns bald nur noch ‚Fedjäs[2] Wald‘ nannten. Doch die Mutter erlaubte uns nur ungern, in diesen Wald zu gehen, da es hieß, dort seien Schlangen, und sogar Wölfe kämen dorthin.“
Hier hätten wir vielleicht eine Erklärung des Schreies „Ein Wolf kommt!“ den Fjodor Michailowitsch dort einmal als Kind zu hören geglaubt hat und von dem er in seiner Erzählung vom Bauern Marei spricht.
„Fjodor, der damals bereits lesen konnte, hatte offenbar schon Indianergeschichten in die Hand bekommen, und so war denn seine Lieblingsbetätigung Indianer zu spielen. Das Spiel bestand darin, daß wir uns im Lindenhain eine Stelle mit dichterem Buschwerk aussuchten, dort ein Zelt herstellten und dieses dann für das Hauptzelt einer Niederlassung wilder Völker erklärten. Wir kleideten uns aus und bemalten unsere Körper mit Farben: was wir dann tätowieren nannten. Wir machten uns aus Blättern einen Lendenschurz und aus gefärbten Gänsefedern einen Kopfschmuck, und nachdem wir uns dann noch mit selbstgefertigten Pfeilen und Bögen bewaffnet hatten, schritten wir zum Überfall auf Brykowo (den Birkenwald). Natürlich war Fjodor, als der Erfinder dieses Spieles, auch der Häuptling und Anführer des wilden Stammes. Michail dagegen beteiligte sich nur selten unmittelbar an diesem Spiele: es paßte nicht zu seinem Charakter. Dafür war er, da er schon zu zeichnen begann und Farben besaß, derjenige, der uns anmalte und kostümierte. Doch die Hauptsache bei diesem Spiele bestand darin, daß wir als ‚Wilde‘ nicht von irgend jemandem, der älter als wir war, beaufsichtigt wurden und von allem Gewohnten, von allem Nichtwilden, vollkommen abgesondert waren. Einmal, an einem heißen, trockenen Tage, ließ uns die Mutter nicht zum Essen rufen, sondern schickte das Essen zu uns hinaus und ließ es unter einem Busch am Zelt hinstellen. Das machte uns einen Riesenspaß und wir verzehrten natürlich alles ohne Messer und Gabel, einfach mit den Händen, wie es sich für richtige Wilde schickt. Doch als wir auch die Nacht als Wilde im Freien verbringen wollten, wurde uns das nicht erlaubt. Ein anderes Spiel, das nur wir zwei spielten, war ‚Robinson und Freitag‘, bei dem ich den Freitag spielen mußte, da Fjodor selbstredend Robinson war. Dann mühten wir uns schrecklich, in unserem Lindenhain alle die Entbehrungen zu erdulden, die jene beiden auf der unbewohnten Insel zu ertragen gehabt hatten.
„Auf dem Lande waren wir fast den ganzen Tag im Freien, und wenn wir nicht spielten, verbrachten wir Stunden um Stunden auf den Feldern, wo wir der schweren Feldarbeit der Bauern zusahen. Die Bauern liebten uns alle, aber Fjodor liebten sie doch ganz besonders. In seiner Lebhaftigkeit wollte er alles selbst mitmachen. Bald bat er, das Pferd mit der Egge führen zu dürfen, bald ging er neben dem Pflug einher und trieb das Pferd an, u. a. m. Auch liebte er, mit den Bauern Gespräche anzuknüpfen, und sie unterhielten sich gern mit ihm. Doch das größte Vergnügen war für ihn, irgend einen Auftrag ausführen oder irgend eine Gefälligkeit erweisen oder sich sonstwie nützlich machen zu können. Einmal hatte eine Bäuerin in der Erntezeit aus Versehen den Wasserkrug umgeworfen, den sie für ihr kleines Kind mitgenommen hatte. Da nahm mein Bruder sofort den Krug und lief ins Dorf (etwa 1½ Werst weit) und brachte zur Freude der Mutter den Krug mit frischem Wasser zurück. Er wußte es auch selbst, daß man ihn liebte.
„Unser Landgut bestand aus zwei kleinen Dörfern, die 1½ Werst voneinander lagen. In dem einen, in Darowoje, wohnten wir, das andere hieß Tschermaschnjä[3], und dorthin gingen wir oft zu Fuß. Fjodor ritt manchmal hinüber, und erbot sich immer als erster dazu, wenn die Mutter einen Auftrag zu erteilen hatte.
„Zum Schluß dieser Erinnerungen an unser Landleben möchte ich noch die Agrafena erwähnen, die das ‚Dummchen‘ genannt wurde. Sie gehörte zu keiner der Bauernfamilien und trieb sich immer im Freien umher; nur im Winter, und auch dann nur bei sehr großer Kälte, konnte man sie mit Gewalt in einer Hütte zurückhalten. Sie war damals 20–25 Jahre alt; sprach sehr wenig, nur ungern und unverständlich; aus ihrem zusammenhanglosen Gerede konnte man nur so viel entnehmen, daß sie beständig mit dem Gedanken an ein kleines Kind umherging, das auf dem Friedhofe begraben sei. Als ich in den ‚Brüdern Karamasoff‘ die Geschichte der ‚stinkenden Lisaweta‘ las, fiel mir sofort dieses Dummchen Agrafena ein.
„Den ersten Unterricht erteilte uns unsere Mutter, und wir alle hatten ein und dasselbe erste Lesebuch. Es hieß: ‚Hundert und vier heilige Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament‘. Wenn ich mich nicht irre, war es eine Übersetzung nach einem deutschen, von Hübner zusammengestellten Schulbuche. – Dieses Buch war mit einigen schlechten Steindrucken versehen –, die die Erschaffung der Welt, Adam und Eva im Paradiese, die Sintflut und andere biblische Geschehnisse darstellten. Als ich vor nicht langer Zeit, Ende der siebziger Jahre, mit meinem Bruder Fjodor auf unsere Kindheit zu sprechen kam und u. a. auch dieses Buch erwähnte, erzählte er mir geradezu begeistert, daß es ihm gelungen sei, dieses alte Buch, aus dem wir gelernt hatten, wiederzufinden, und daß er es nun wie ein Heiligtum aufbewahre.
„In jenem ersten Jahre, dessen ich mich gerade noch erinnern kann, konnten meine Brüder bereits lesen und schreiben und bereiteten sich zum Eintritt in das Pensionat vor. Damals kamen zwei Lehrer zu uns ins Haus. Der erste war ein Diakon, der auch am Katharineninstitut unterrichtete. Bevor er kam, wurde jedesmal der Lhombretisch aufgeklappt, an den wir vier Kinder uns dann zusammen mit dem Lehrer setzten. Die Mutter saß immer weiter ab und war mit einer Handarbeit beschäftigt. Ich habe später viele Religionslehrer gehabt, aber nie wieder einen solchen wie diesen. Der hatte wirklich, was man so nennt, die Gabe des Wortes, und während der ganzen Stunde (die noch nach alter Sitte etwa zwei Stunden dauerte) tat er nichts anderes als erzählen oder, wie bei uns gesagt wurde, die Heilige Schrift auslegen. Nur wenige Minuten zu Anfang der Stunde gebrauchte er zum Abfragen der Aufgaben, dann begann er selbst ... von der Sintflut, von Joseph, von der Geburt Christi erzählte er ganz besonders schön – so daß die Mutter oft die Arbeit aus der Hand legte, ihm zuhörte und die Augen von dem begeisterten Erzähler nicht abwenden konnte. Ich darf wohl ohne weiteres behaupten, daß er mit seinen Erzählungen wie kein anderer unsere Kinderherzen ergriff. Doch ungeachtet alles dessen verlangte er von uns, daß wir die Aufgaben buchstäblich auswendig lernten und nicht eine Silbe ausließen. Es tut mir sehr leid, daß ich mich auf den Namen dieses verehrten Lehrers nicht mehr besinnen kann.
„Der andere Lehrer, der in dieser Zeit zu uns ins Haus kam, war der Lehrer der französischen Sprache Suchard, der sich nach der Erfüllung seiner Bitte an Kaiser Nikolai I., seinen Namen umdrehen und ihm die Endung off anhängen zu dürfen, Draschussoff nannte, da es sein glühendster Wunsch war, ein echter Russe zu sein. Zu diesem Draschussoff fuhren nun meine beiden älteren Brüder, als der Unterricht im Lesen und Schreiben, in der Religion und der französischen Sprache nicht mehr genügte, ein ganzes Jahr lang oder noch länger, jeden Morgen als sogenannte Halbpensionäre und kehrten zum Mittagessen zurück. Draschussoff hatte eine kleine Vorschule oder ein Pensionat für auswärtige Schüler, er selbst unterrichtete in der französischen Sprache, seine zwei erwachsenen Söhne in der Mathematik und in anderen Fächern. Dagegen gab es an dieser bescheidenen Schule keinen Lehrer der lateinischen Sprache, und so übernahm denn unser Vater selbst den Unterricht in diesem Fach. Ich erinnere mich noch des Morgens, an dem er von der Fahrt zu seinen Patienten in der Stadt eine lateinische Grammatik mitbrachte und sie den Brüdern übergab. Seit diesem Tage wurden sie jeden Abend in dieser Sprache unterrichtet. Der Unterschied zwischen dem Unterricht beim Vater und dem bei den anderen Lehrern bestand vor allem darin, daß sie bei letzteren die ganze Stunde saßen, beim Vater dagegen, dessen Unterricht oft über eine Stunde dauerte, durften sie nicht nur nicht sitzen, sondern nicht einmal sich an den Tisch stützen. So standen sie denn wie kleine Götzenbilder da, wenn sie, der eine nach dem anderen, ‚mensa, mensae‘ usw. deklinierten oder ‚amo, amas, amat‘ konjugierten. Die Brüder fürchteten sich denn auch sehr vor diesen Stunden. Der Vater war bei all seiner Güte äußerst anspruchsvoll und sehr ungeduldig, und dazu noch überaus jähzornig.“
(Nach den Aussagen anderer soll der Vater ein finsterer, nervöser, mißtrauischer Mensch gewesen sein.) „Kaum machte einer von den Brüdern einen Fehler – da schrie er ihn schon an. Hier muß ich aber bemerken, daß unsere Eltern, ungeachtet der Heftigkeit des Vaters, uns Kinder sehr human behandelten; nie sind wir körperlich bestraft worden, und ich kann mich auch nicht erinnern, daß einer von den älteren Brüdern einmal auf die Knie befohlen oder in den Winkel gestellt worden wäre. Die größte Strafe bedeutete für uns eben dieses Aufbrausen des Vaters. So war es auch in den Lateinstunden: bei dem geringsten Fehler der Brüder ärgerte er sich, nannte sie Faulpelze, Dummköpfe, und im äußersten Falle warf er sogar das Buch hin, ohne die Stunde zu beenden, und das war für uns immer die schlimmste Strafe.