[89] Gribojedoffs Komödie spielt im Hause des höheren Staatsbeamten Famussoff: sie beginnt mit dem Morgen, an dem Tschatzki aus dem Auslande eintrifft, und endet mit dem späten Abend desselben Tages, nach dem Ball, im Vestibül. In Famussoff hat Gribojedoff seinen eigenen Onkel gezeichnet, dessen Festlichkeiten berühmt waren. E. K. R.
[90] Die Namen sind noch nach alter französischer Art Kennzeichnungen ihrer Träger. Repetiloff heißt etwa „Schwätzer“. Oberst Skalosub („Grinser“) ist ein beschränkter Gamaschenknopf. Natalja Dmitrijewnas ewig besorgte Liebe will aus ihrem früher frischfröhlichen Mann einen zugempfindlichen Stubenhocker machen. Die alte bissige Hlestowa (hlestatj – mit der Gerte schlagen) ist als Typ auch von Tolstoj in „Krieg und Frieden“ gebracht. Moltschalin („Schweiger“) ist Famussoffs Sekretär, der sich durch zwei „Tugenden“ auszeichnet: durch „Mäßigkeit und Akkuratesse,“ – ein gehorsamster Diener und Streber, der aus Berechnung sogar dem Hofhunde schmeichelt. E. K. R.
[91] Den meisten Russen ist die große Vorliebe des Bourgeois für zahlreiche Möbelstücke, Teppiche, Bilder, Bibelots, Nippes usw. etwas Unbegreifliches. E. K. R.
[92] Erster Beitrag Dostojewskis in Nr. 1 der Wochenschrift „Der Bürger“, Januar 1873. Siehe Einführung [S. IX]. E. K. R.
[93] Fürst W. Meschtscherski (geb. 1845), der Gründer und Herausgeber der Petersburger konservativen Wochenschrift „Der Bürger“, hatte Ende des Jahres 1872 Dostojewski zur Mitarbeiterschaft aufgefordert und dessen Bestätigung als Schriftleiter am 20. Dezember ohne Schwierigkeiten erlangt, da man Dostojewskis politische Richtung nun anders beurteilte, als in den vierziger Jahren und nach seiner Rückkehr aus Sibirien. – Von Dostojewskis ersten Werken waren „Arme Leute“ im „Petersburger Almanach“ erschienen, den Njekrassoff, der linksstehende Dichter des Proletariats, 1846 herausgab; die übrigen Werke Dostojewskis bis zu seiner Verhaftung 1849 erschienen in Krajewskis liberalen „Vaterländischen Annalen“, deren Kritiker und Zugstück der „gefährliche“ Bjelinski war. Auch 1859, nach seiner Rückkehr aus Sibirien, veröffentlichte Dostojewski die kleineren Romane „Der kleine Held“ und „Das Gut Stepantschikowo“ in den „Vaterländischen Annalen“. Von 1861–63 erschien alles, was er schrieb, in seiner Zeitschrift „Die Zeit“, so auch die „Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke“, die, geschrieben nach seinem Besuch bei Herzen in London, deutlich Herzens Einfluß verraten. Die Herausgeber und Mitarbeiter der „Zeit“ (der amtlich allein bestätigte Herausgeber war Dostojewskis Bruder, gegen den politisch nichts vorlag), Dostojewski, Apollon Grigorjeff und Strachoff, nannten sich „die Bodenständigen“ („Potschwenniki“), und namentlich der konservative Hegelianer Strachoff polemisierte in der „Zeit“ aufs schärfste gegen Njekrassoffs „Zeitgenossen“, das Organ der Radikalen (der später sog. „Nihilisten“), doch gleichzeitig wurde von Grigorjeff – der neben Strachoff von entscheidendem Einfluß auf Dostojewskis politisches Denken war – trotz seiner Beziehung zu den Slawophilen und seiner Mitarbeiterschaft an Pogodins „Moskowiter“, der ultranationale Katkoff verspottet (die Literatur sei für Katkoff Hekuba, er habe nur ihre politische Macht erkannt und suche diese auszunutzen). Jedenfalls waren die Zensoren sich noch nicht darüber klar, ob sie die „Zeit“ bezw. die „Bodenständigen“ als linksstehend oder rechtsstehend betrachten sollten, und auf Katkoffs Denunziation hin wurde die Zeitschrift 1863 sistiert (vgl. [S. 160 Anm.]). Der Aufstand der Polen, der Erbfeinde, bewirkte einen allgemeinen Umschwung der Geister in Rußland. Herzens Aufruf für die Polen (vgl. [S. 175 Anm.]) entzog ihm mit einem Schlage die ganze große Liebe der plötzlich national gesinnten russischen Intelligenz und trieb diese seinem Gegner Katkoff zu, der nun in den „Moskauer Nachrichten“ (1863 von neuem von ihm übernommen) einen leidenschaftlichen Feldzug gegen Herzen begann. Herzens in London erscheinendes Blatt „Die Glocke“ (mit dem Motto „vivos voco“), das bis dahin die führende Stimme der nicht reaktionären Mehrheit der Intelligenz gewesen war, verlor in kürzester Zeit vier Fünftel seiner Abonnenten. Im Jahre 1864–65 arbeitete Dostojewski nach dem frühen Tode Grigorjeffs (1864) mit Strachoff in konservativ-nationalem Sinne an der Herausgabe der „Epoche“ (die Fortsetzung der sistierten „Zeit“), die aus finanziellen Gründen im Frühjahr 1865 einging. 1866 erschien sein erster großer Roman „Rodion Raskolnikoff“ in Katkoffs konservativem „Russischen Boten“, 1868 „Der Idiot“ und 1871–72 „Die Dämonen“ in demselben Blatt, das inzwischen zum Organ der geistigen Elite geworden war. Auf Grund dieser Romane und der Verschiebung seiner offiziellen Parteizugehörigkeit nach rechts, wurde er dann 1872 ohne Bedenken von seiten der Polizei als Redakteur bestätigt. E. K. R.
[94] Gemeint ist einer der zahlreichen Romane des Fürsten Meschtscherski „Einer von unseren Bismarcks“, der damals im „Bürger“ erschien und die Petersburger höhere Gesellschaft nicht ohne satirischen Beigeschmack schildert. E. K. R.
[95] Gemeint sind die Artikel des reaktionären Publizisten Katkoff (1820–87), der seit 1863 eine so führende Rolle spielte, daß Herzen von ihm sagen konnte, er habe dem Zarismus den Journalismus aufgezwungen. 1877 setzte er gegen den ursprünglichen Willen der Regierung den Krieg für die Balkanslawen durch, für den auch Dostojewski mit aller Überzeugung eintrat. Seit 1881 unter Alexander III. war Katkoff bei Hofe persona grata. E. K. R.
[96] „Die Stimme“ wurde in Petersburg von Krajewski, dem Gründer der „Vaterländischen Annalen“, herausgegeben und vertrat die liberale Richtung. E. K. R.
[97] Im Sommer 1862 in London. Das erwähnte Buch ist eine erste Abrechnung Herzens mit seinen revolutionären Illusionen. E. K. R.
[98] Historiker (1800–75), reaktionärer Chauvinist, gab die slawophile Zeitschrift „Der Moskowiter“ heraus, zu deren Mitarbeitern früher auch Apollon Grigorjeff gehört hatte. Pogodin war ein Kollege und Freund von Schewyreff (vgl. [S. 84]). 1835 wurde er vom Grafen Uwaroff (Unterrichtsminister von 1833–49) zum Professor der Geschichte an der Moskauer Universität ernannt, damit er die Orthodoxie im imperialistischen Sinne verteidige. Uwaroff hatte das offizielle Programm der Reaktion folgendermaßen formuliert: „Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, dahin zu wirken, daß die Bildung der Nation in dem vereinten Geiste der Orthodoxie, Autokratie und Nationalität vor sich gehe ...“ und „... Inmitten des schnellen Verfalls der religiösen und bürgerlichen Institutionen in Europa, bei der Verbreitung der revolutionären Ideen allerorts, ist es Pflicht, das Vaterland auf einem unerschütterlichen Boden zu befestigen ...“ Auf diesem Boden der Formel Uwaroffs „Orthodoxie, Autokratie, Nationalität“ stand dann auch das Zarenwort an den Unterrichtsminister: „Schränke die Bildung ein“, und gegen diesen „Prometheus (Uwaroff), der das Feuer nicht Jupiter, sondern den Menschen stahl“, richtete Herzen seine geistreichsten Angriffe. E. K. R.