Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“ Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.

Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß er für diese rettenden Ansätze arbeitete.

Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner Beerdigung erschien.

Seine Bedeutung

Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie damit, daß sie sich für das Fremde begeisterten, und alle kehrten sie später zum Eigenen zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische Literatur aufgebracht zu sein.

Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt, um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen, nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische Literatur und das russische einfache Volk.

Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand ist.

Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt ausführen mußte und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller, Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als erster.

Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt, während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“ vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg einzuschlagen.

Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind: das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut, jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre. So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener, verwickelter Themen.