Ich hatte die neue Nummer meines „Tagebuchs“ bereits beendet, indem ich ihren Inhalt auf meine am 8. Juni in Moskau gehaltene „Rede“ und ein Vorwort zu derselben beschränkte. Das Vorwort „Zur Puschkinrede“ schrieb ich in der Vorahnung des Lärms, den man schlagen werde und der denn auch richtig nach dem Erscheinen meiner Rede in den „Moskauer Nachrichten“ nicht lange auf sich hat warten lassen. Als ich aber Ihre Kritik las, Herr Gradowskij, ließ ich den Druck des „Tagebuchs“ bis auf weiteres einstellen, um in derselben Nummer noch meine Antwort auf Ihre Angriffe veröffentlichen zu können.
Oh, meine Vorahnungen sind alle in Erfüllung gegangen, das Geschrei, das sich erhoben hat, ist fürchterlich: stolz sei ich und feig sei ich, und eingebildet und ein „Dichter“! und die Polizei hätte man requirieren sollen, um die „Ausschreitungen“ des Publikums einzudämmen – das heißt, natürlich, eine moralische Polizei, eine liberale Polizei. Aber warum denn nicht die wirkliche? Ist doch auch diese bei uns jetzt liberal, sogar durchaus nicht weniger liberal, als die liberalen Herren, die dieses Geschrei über uns erhoben haben. Es fehlte ja auch nicht viel, und die wirkliche hätte eingegriffen! Doch lassen wir dieses Thema vorläufig, ich will lieber gleich zur Abwehr Ihrer Angriffe übergehen. Vorher möchte ich nur noch bemerken, daß ich mit Ihnen persönlich weder etwas zu schaffen noch mich über etwas auseinanderzusetzen habe, Herr Gradowskij. Letzteres ist so ausgeschlossen, daß ich tatsächlich nicht im geringsten die Absicht habe, Sie zu überzeugen oder gar von Ihrer Ansicht abzubringen. Auch früher schon habe ich mich, wenn ich Ihre Artikel las, stets über den Gedankengang derselben gewundert. Wenn ich Ihnen jetzt antworte, so geschieht das ausschließlich um der – anderen willen: ich meine unsere Leser, die dann über uns urteilen können. Für diese schreibe ich. Ich fühle, ich ahne, ja ich sehe sogar, daß neue Elemente erstanden sind und erstehen, die sich bis zur Verzweiflung nach einem neuen Wort sehnen, die angewidert sind von dem alten liberalen Gespött über Rußland, über jedes Wort der Hoffnung auf Rußland, die müde sind des liberal-zahnlosen Skeptizismus der alten Leichen, die man zu beerdigen vergessen hat, und die denn auch nur deshalb noch unter uns wandeln, dabei freilich sich nach wie vor für die junge Generation halten. Jawohl: müde der alten liberalen Führer und Retter Rußlands, die sich in den ganzen fünfundzwanzig Jahren ihres Aufenthaltes bei uns nur als „grundlose Marktschreier“ erwiesen haben. Kurz, ich möchte außer meiner Antwort auf Ihre Bemerkungen noch vieles sagen, so daß ich, wenn ich antworte, eigentlich nur die gebotene Gelegenheit ergreife, um mich auszusprechen.
Zunächst stellen Sie die Frage – und machen mir damit sogar einen Vorwurf –, warum ich nicht deutlicher erklärt habe, woher sich diese Menschen ohne festen Verbleib, von denen ich in meiner „Rede“ sprach, bei uns eingebürgert haben. Nun, die Geschichte ihrer Herkunft ist lang, da müßte man weit ausholen. Überdies würden Sie mir ja doch nicht beistimmen, gleichviel was ich Ihnen hierauf antworten wollte, denn Sie haben schon eine eigene Antwort auf die Frage, wie sie unter uns möglich geworden sind, in Bereitschaft, und die lautet ganz einfach: „Infolge des Jammers, mit solchen rohen Leuten wie Skwosnik-Dmuchanowskij[23] zusammenleben zu müssen, und außerdem natürlich vor Kummer über die damals noch nicht befreiten Bauern“ – eine Folgerung, die im allgemeinen eines zeitgenössischen russischen Liberalen wert ist, eines von diesen Leuten, bei denen alles was Rußland betrifft, bereits längst – ungeachtet unserer Probleme, die jetzt erst aufkommen – gelöst und unterschrieben ist. Das geschieht nämlich bei ihnen mit einer ungeheuren, nur dem russischen Liberalen möglichen Leichtigkeit.
Nichtsdestoweniger ist diese Frage viel schwieriger und verwickelter, als Sie denken; jawohl, bedeutend schwieriger und zwar trotz Ihrer vermeintlich endgültigen Lösung des Problems. Was nun die Leute wie Skwosnik-Dmuchanowskij und ihren Kummer wegen der Leibeigenschaft der Bauern betrifft, so werde ich noch darauf zurückkommen. Doch zunächst gestatten Sie, daß ich mich zu einem von Ihnen gebrauchten höchst bezeichnenden Wort äußere, das Sie wiederum mit einer Leichtfertigkeit, die fast an Mutwillen grenzt, ausgesprochen haben und das ich nicht übergehen darf.
Sie schreiben:
„... Wie dem auch sei, jedenfalls befinden wir uns schon seit zweihundert Jahren unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung, die auf uns überaus stark einwirkt – wohl dank des ‚universalen Verständnisses‘ der Russen, welches Herr Dostojewski für unsere nationale Eigentümlichkeit erklärt hat. Vor dieser Aufklärung können wir nicht so einfach etwa irgendwohin flüchten – wir wüßten auch nicht warum? Es ist das eine Tatsache, an der wir nichts zu ändern vermögen, aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder Russe, dem es um seine Aufklärung zu tun ist, diese Aufklärung unbedingt aus der europäischen Quelle erhält, eben infolge des unbedingten Nichtvorhandenseins russischer Quellen ...“
Dies ist gewiß sehr schwungvoll von Ihnen ausgedrückt. Aber Sie haben da unter anderem ein großes Wort gebraucht: „Aufklärung“. Erlauben Sie, daß ich Sie frage, was Sie unter diesem Wort verstehen: die Wissenschaft des Westens, die Technik, die handwerklichen Fertigkeiten oder die – Aufklärung des Geistes? Was die ersteren betrifft, d. h. die Wissenschaften und die Techniken, so müssen wir die allerdings vom Westen übernehmen, und uns in der Beziehung von Europa abzuwenden, dazu haben wir gar keinen Grund, ganz abgesehen davon, daß es andere Lehrmeister nicht gibt, außer den westeuropäischen, wofür Europa von uns Dank und Preis sei ewiglich. Aber unter Aufklärung verstehe ich (und ich denke, daß niemand sie anders auffassen kann), verstehe ich – das, was das Wort buchstäblich besagt: „Erleuchtung“, also das geistige Licht, das die Seele erhellt, das Herz durchleuchtet, den Verstand lenkt und ihm den Lebensweg weist. Wenn das Wort aber dies bedeutet, so gestatten Sie mir, zu erklären, daß wir durchaus keine Veranlassung haben, eine solche Aufklärung aus den westeuropäischen Quellen zu beziehen, eben infolge des vollkommenen Vorhandenseins (und keineswegs Nichtvorhandenseins) russischer Quellen. Sie wundern sich? Ja, sehen Sie: im Streit der Meinungen, da liebe ich es, gleich mit dem Wesentlichen der Sache anzufangen, um die es sich handelt.
Ich behaupte, daß unser Volk schon seit langem aufgeklärt ist, da es Christus und die Lehre Christi in sein Wesen aufgenommen hat. Man wird mir hierauf entgegnen, das Volk kenne die Lehre Christi nicht und Predigten würden ihm nicht gehalten. Das ist aber nur ein leerer Einwand: es kennt alles, alles das, was es wissen soll, obschon es ein Examen in der Religion nicht bestehen würde. Gelernt aber hat es das, was es weiß, in seinen Kirchen, wo es im Laufe von Jahrhunderten die Gebete und Hymnen hört, die besser sind, als mittelmäßige Predigten. Es hat sie für sich wiederholt und gesungen in den Wäldern, wenn es vor den ins Land einfallenden Feinden flüchtete, und vielleicht hat es schon zu Batyjs Zeiten, als die Tatarenhorden durchs Land zogen, gesungen: „Herr, sei mit uns!“ Vielleicht ist diese Hymne damals entstanden, denn außer Christus hatten die Horden uns alles geraubt, es blieb uns nichts als Christus. In dieser Hymne aber ist bereits die ganze Wahrheit Christi enthalten. Und was will es besagen, daß dem Volk keine langen Predigten gehalten werden und daß die Diakone die Heilige Schrift in uns unverständlicher Weise vortragen – die größte Anklage, die gegen unsere Kirche erhoben wird, von unseren Liberalen natürlich, denselben, die auch die Behauptung ersonnen haben, die kirchenslawische Sprache sei schon als solche unbequem und dazu dem Volk unverständlich?! Dafür tritt der Priester zu ihm hinaus und spricht das Gebet „Herr meines Lebens“ – in diesem Gebet aber ist das ganze Wesen des Christentums enthalten, sein ganzer Katechismus, und dieses Gebet kennt das Volk auswendig, so wie es auch viele Lebensgeschichten der Heiligen kennt und nie müde wird, andächtig zuzuhören, wenn jemand sie erzählt. Doch die Hauptschule des Christentums, die das Volk durchgemacht hat, das sind die Jahrhunderte der zahllosen Leiden und Heimsuchungen, von denen seine Geschichte berichtet, die Jahrhunderte, in denen es von allen verlassen und niedergetreten war, dabei für alle und alles arbeitete, in Christus aber nur seinen Tröster behielt, den es denn auch auf ewig in sein Herz schloß und der dafür seine Seele vor der Verzweiflung bewahrte. Übrigens, wozu sage ich Ihnen dies alles? Will ich Sie denn etwa überzeugen? Meine Worte werden Ihnen natürlich kindisch, wenn nicht ganz überflüssig erscheinen. Doch ich wiederhole zum drittenmal: nicht um Ihretwillen schreibe ich. Dies Thema ist von großer Wichtigkeit, darüber muß noch vieles gesagt werden – und das werde ich auch, solange ich noch die Feder in der Hand halte. Jetzt aber will ich meinen Gedanken nur als These aussprechen: Wenn unser Volk schon seit langer Zeit aufgeklärt ist, weil es in sein Wesen Christus und dessen Lehre aufgenommen, so hat es mit ihm zugleich natürlich auch die wahre Aufklärung angenommen. Bei diesem eigenen Vorrat an Aufklärung können ihm die Wissenschaften des Westens selbstverständlich zu einer unschätzbaren Wohltat werden, und wir brauchen nicht zu befürchten, daß das Bild Christi durch die Wissenschaften bei uns so getrübt werden könnte, wie im Westen selbst. Übrigens ist das auch dort nicht durch die Wissenschaften geschehen, wie es die Liberalen gleichfalls behaupten, sondern schon viel früher, als die Kirche des Westens selbst die Erscheinung Christi entstellte, indem sie sie von neuem in der Gestalt des Papsttums verkörperte und sich aus einer Kirche in einen neuen römischen Staat verwandelte. Ja, im Westen gibt es wahrlich kein Christentum mehr und ebensowenig eine christliche Kirche, obschon es dort noch viele Christen gibt, die ja wohl nie ganz aussterben werden. Der Katholizismus ist nicht mehr Christentum und geht in Götzendienst über, der Protestantismus aber nähert sich mit Riesenschritten dem Atheismus, und wird zu einer schwanken, veränderlichen (und nicht ewig feststehenden) Sittenlehre.
Oh, versteht sich, Sie werden mir hierauf sogleich erwidern, daß das Christentum und die Verehrung Christi keineswegs den ganzen Zyklus der Aufklärung enthielten, diese seien nur eine Stufe derselben, und zur Aufklärung gehörten im Gegenteil die Wissenschaften, Staatsideen, die allgemeine Entwicklung usw. usw. Darauf kann ich Ihnen freilich nichts antworten und eine Antwort wäre wohl auch nicht angebracht, denn wenn Sie zum Teil recht haben mögen, in betreff der Wissenschaften, zum Beispiel, so werden Sie doch dafür niemals zugeben, daß das Christentum unseres Volkes die hauptsächlichste und lebendigste Grundlage seiner Aufklärung ist und ewig bleiben muß! In meiner Rede sagte ich, daß Tatjana, indem sie sich weigerte, Onegin zu folgen, in russischem Geiste gehandelt habe, nach der Auffassung des russischen Volkes von Ehre und Gerechtigkeit. Einer meiner Kritiker jedoch, den es offenbar kränkt, daß das russische Volk eine eigene wahre Anschauung haben soll, widerspricht mir plötzlich mit der Frage: „Aber die Versündigung gegen das siebente Gebot?“ Kann man solchen Kritikern überhaupt antworten? Hauptsächlich kränkt sie ja doch, daß das russische Volk seine festen Begriffe von Rechtschaffenheit haben und somit wirklich aufgeklärt sein könnte. Ja, existiert denn der Ehebruch in unserem ganzen Volk, und existiert er denn als Recht und in Rechtschaffenheit? Hält ihn denn das ganze Volk für gut und richtig? Gewiß, unser Volk ist noch roh, wenn auch längst nicht das ganze Volk, o nein, bei weitem nicht das ganze Volk, das schwöre ich, und ich darf es schwören, denn ich kenne unser Volk, ich habe mit ihm jahrelang zusammengelebt, habe mit ihm gegessen und geschlafen und ward selbst „zu den Verbrechern gezählt“; ich habe gemeinsam mit ihm im Schweiße des Angesichts die Arbeit schwieliger Hände verrichtet, während die anderen, die ihre Hände „in Blut getaucht“, die „Liberalen“ spielten und über das Volk spöttelten und in Vorträgen und Aufsätzen zu dem Ergebnis kamen, daß unser Volk „von Tiergestalt und auch geistig von Tierart“ sei. Also sagen Sie mir nicht, daß ich das Volk nicht kenne! Ich kenne es: von ihm aus habe ich Christus wieder in meine Seele aufgenommen, den ich als Kind im Elternhause kennen gelernt, dann aber verloren hatte, als auch ich mich in einen „europäischen Liberalen“ verwandelte. Doch gut, mag unser Volk sündig und roh sein, und tierisch seine Gestalt und seine Art: „Der Sohn ritt auf der Mutter“ usw. Sie kennen doch das Lied? – aus irgendeinem Anlaß muß es ja entstanden sein! Alle russischen Lieder sind nach einem Geschehnis entstanden, nach etwas wirklich Gewesenem – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Aber so seid doch wenigstens einmal gerecht, ihr Liberalen: bedenkt, was das Volk in all den vergangenen Jahrhunderten durchgemacht hat! Fragen Sie sich zunächst, wer an seiner Roheit am meisten schuld ist, verurteilen Sie es nicht so blindlings! Es ist doch mehr als lächerlich, einen Bauern deshalb zu verurteilen, weil er nicht von einem französischen Coiffeur zurecht gestutzt ist, – denn darauf laufen alle diese Beschuldigungen im Grunde hinaus, die unsere europäischen Liberalen gegen unser Volk erheben, da sie sich nun einmal darin so überaus gefallen, ihm alles abzusprechen: es soll weder eine Persönlichkeit haben, noch eine Nationalität! Mein Gott, im Westen aber, gleichviel bei welchem Volk – gibt es denn dort weniger Trunksucht und Diebstahl, und etwa nicht ebensolche Roheit, dabei noch eine Verstockung des Herzens und eine Erbitterung, die es in unserem Volk nicht gibt, das dafür von wirklicher, echter, unwissender Roheit ist, das wahre Gegenteil der Aufklärung, denn diese ist bisweilen mit einer solchen Gottlosigkeit verbunden, wie man es nicht für möglich halten sollte, wird aber dort nicht mehr für Sünde gehalten, sondern gerade für die einzige Wahrheit. Mag immerhin unserm Volk Tierisches und Sündhaftes anhaften, eines aber hat es zweifellos: das ist, daß es wenigstens, als Ganzes genommen (und nicht nur im Ideal, sondern in der wirklichsten Wirklichkeit) seine Sünde niemals für das Richtige gehalten hat, hält oder halten wird, auch niemals den Wunsch empfinden wird, sie dafür zu halten! Es sündigt, aber früher oder später sagt es doch: ich habe gefehlt. Sagt es nicht der Sündige selbst, so sagt es ein anderer für ihn, und die Wahrheit bleibt bestehen. Die Sünde ist wie stinkender, stickiger Dunst, und der wird sich verflüchtigen, sobald die Sonne vollends aufgeht. Die Sünde ist etwas Vorübergehendes, Vergängliches, Christus aber ist ewig. Das Volk sündigt stündlich und treibt Unfug, aber in besseren Stunden, in den Stunden Christi verwechselt es nie Recht mit Unrecht. Das eben ist das Wichtige: woran ein Volk glaubt, worin es die Wahrheit sieht, wie es sich dieselbe denkt, was sein höchster Wunsch ist, was es liebt und um was es zu Gott betet. Dieses Ideal ist in unserem Volk – Christus. Mit Christus aber besitzt es natürlich auch Aufklärung, und in wichtigen, entscheidenden Augenblicken hat denn auch unser Volk alles, was es volklich anging, stets im christlichen Sinne entschieden. Sie werden spöttisch einwenden: „Weinen, das ist wenig, seufzen gleichfalls, man muß auch handeln, man muß auch verwirklichen.“ Aber unter Ihnen, meine Herren, die Sie doch aufgeklärte Europäer zu sein glauben, gibt es denn unter Ihnen viele Gerechte? Nennen Sie mir doch Ihre Gerechten, die Christus ersetzen könnten! In dem Volk aber gibt es Gerechte. Es kommen unleugbar in ihm Charaktere von unendlicher Schönheit und Stärke vor, die freilich von Ihnen noch nicht bemerkt worden sind. Aber es gibt diese Gerechten und Märtyrer der Wahrheit – gleichviel ob wir sie sehen oder nicht sehen. Ich weiß nicht – wem es gegeben ist, sie zu sehen, der wird sie natürlich sehen und begreifen, wer aber in ihnen nur Tiere sieht, der wird selbstverständlich nichts sehen als das Tierische. Aber das Volk weiß, daß es diese Gerechten unter ihm gibt, schenkt ihnen sein volles Vertrauen, ist stark und gefestigt in diesem Gedanken und in der Hoffnung, daß sie es immer im nötigen, alle bedrängenden Augenblick retten werden. Und wie oft schon hat unser Volk das Vaterland gerettet! Und noch vor kurzem hat es sich, als es vor Sünde, Trunksucht und Sittenlosigkeit fast schon zu verfaulen schien, in neuer geistiger Freude und Frische erhoben und den letzten Krieg für den Glauben Christi, den die Muselmänner mit Füßen traten, ausgefochten. Es nahm den Krieg an, es griff gleichsam nach ihm, wie nach einer Möglichkeit, sich durch Opfer von den Sünden und Sittenlosigkeiten zu reinigen; und es sandte seine Söhne hin, zu kämpfen und, wenn es sein müßte zu fallen für die heilige Sache, und es schrie nicht, daß der Rubel sinke und der Preis für Lebensmittel steige. Es hörte voll Spannung zu, wenn jemand vom Kriege erzählte, es forschte gierig weiter und las selbst in den Zeitungen, soviel es nur lesen konnte, dessen sind wir Zeugen und solcher Zeugen gibt es viele. Ich weiß: die Erhebung des Volksgeistes während des letzten Krieges, und um so mehr noch der Grund dieser Erhebung, werden von unseren Liberalen nicht anerkannt, sie lachen über diese „Idee“. „Wie, in diesen Knechten soll eine sie alle vereinende Idee stecken, sie sollen staatsbürgerliches Gefühl, einen politischen Gedanken haben! – darf man das auch nur annehmen?“ Und warum, warum ist unser europäischer Liberaler so oft ein Feind des russischen Volkes? Warum stehen in Europa diejenigen, die sich Demokraten nennen, immer für das Volk ein oder stützen sich wenigstens auf das Volk, indes unser Demokrat so oft den Aristokraten spielt und zu guter Letzt fast immer dem dient, was die Volkskraft unterdrückt, um als richtiger selbstherrlicher „Herr“ sein Leben zu beschließen? Oh, ich behaupte ja nicht, daß sie bewußt Feinde des Volkes seien, aber gerade in der Unbewußtheit liegt das Tragische. Sie sind ungehalten über meine Fragen? Das ändert nichts an der Sache. Für mich sind das alles Axiome, und ganz gewiß werde ich nicht aufhören, sie zu erklären und zu beweisen, solange ich noch schreibe und spreche.
Doch kommen wir zum Schluß: mit den Wissenschaften verhält es sich so wie ich sagte, aber „Aufklärung“ brauchen wir nicht aus westeuropäischen Quellen zu beziehen. Täten wir es, so könnten sich mit Leichtigkeit solche landläufigen Phrasen einschleppen, wie zum Beispiel: Chacun pour soi et Dieu pour tous, oder après nous le déluge. Oh, gewiß wird man nun sogleich zetern: „Gibt es denn bei uns nicht auch solche Aussprüche, sagt man nicht bei uns zum Beispiel: ‚Der verzehrten Gaben gedenkt man nicht‘, und Hunderte von ähnlichen Sprichwörtern?“ Ja, der Sprichwörter gibt es viele im Volk: der Verstand des Volks ist gar nicht so gering, ebensowenig ist es ohne Humor, und die zunehmende Erkenntnis flüstert immer allerlei pessimistische Betrachtungen ein – aber das sind bei uns doch alles nur Redensarten, und dem Volk fällt es gar nicht ein, an ihre moralische Wahrheit zu glauben, es scherzt über sie und verneint sie selbst. Werden Sie es aber wagen, zu behaupten, daß „Chacun pour soi et Dieu pour tous“ im Westen nur eine Redensart sei und nicht eine gesellschaftliche Formel, die dort von allen angenommen ist und der alle dienen und an deren Richtigkeit alle glauben? Wenigstens alle diejenigen, die über dem Volk stehen und das Volk im Zaum halten, die Land und Arbeiter besitzen und wie Schildwachen vor der „europäischen Aufklärung“ aufgepflanzt sind. Wozu bedürften wir wohl einer solchen Aufklärung? Was sollten wir mit einer solchen anfangen? Nein, suchen wir lieber bei uns etwas anderes. Die Wissenschaften sind eine Sache für sich und die Aufklärung ist gleichfalls eine Sache für sich. In der Hoffnung auf das Volk und im Vertrauen auf seine Kräfte werden wir vielleicht noch irgendeinmal diese unsere christliche Aufklärung in vollem Glanz und in ihrer ganzen Schönheit entfalten. Sie werden mir nun freilich sagen, das sei ein langes Hin und Her als Antwort auf Ihre Kritik. Mag sein! Ich betrachte diese Ausführungen selbst nur als ein Vorwort, jedoch als ein notwendiges. Ganz wie Sie in meiner „Rede“ solche Punkte, in denen Sie nicht mit mir übereinstimmen, hervorheben und diese für das Wichtigste halten, so habe auch ich jetzt einen solchen Punkt aus Ihrer Kritik hervorgehoben, einen, in dem ich den Kern unserer Meinungsverschiedenheit sehe und der uns am meisten hindert, zu einer Übereinstimmung zu gelangen. Nun ist das Vorwort beendet, befassen wir uns jetzt mit Ihrer Kritik und zwar von nun an ohne Abschweifungen.