Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst sich durch keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten lassen. Doch schließlich – wer sieht denn nicht, daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht (die Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob ihm das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe Meinung. Nicht die Wahrheit ist Lewin teuer, sondern das, was er sich ausgedacht hat. Übrigens spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, denn es ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe der Menschen kränken kann. Das Volk und unsere Freiwilligen gegen die Verleumdungen Lewins und des alten Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn, ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. Wenn Lewin zur Erklärung der Tatsache, daß Hunderte von Freiwilligen aus Rußland hinziehen, um mit den Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne weiteres sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen sich immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, Tausende von Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande eines Pugatschoff[34] anzuschließen oder nach China oder Serbien zu gehen“ – so können wir nur darauf hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich aufbrachen. Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben und es war manch ein bekannter Name unter ihnen. Gewiß wird es neben der größten Aufopferung auch Leute gegeben haben, die einfach aus Abenteuerlust, aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. Aber noch weiß man nicht, wie viele auch von diesen Abenteuerlustigen ihr Leben dort hingegeben haben. Doch die Behauptung, daß unsere Freiwilligen vom vorigen Jahr alle nur Müßiggänger und verlorene Leute gewesen seien, hat zum mindesten keinen Sinn, denn wie gesagt, wir haben Hunderte von ihnen gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst von den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten und mißhandelten Glaubensbrüder dargebracht wurden, so behauptet der Fürst, daß das „Volk“ überhaupt nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er sagt:
„... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag die ganze Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun und das tat er denn auch. Das Volk aber verstand davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie es bei jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß man in der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, und da holten sie jeder eine Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das wußten sie selbst nicht.“
Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach hinwegsetzt, ist als Äußerung gerade des Fürsten unschwer zu erklären. Sie stammt von einem der früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, für seine Sklaven doch nichts anderes als Verachtung empfinden kann, während er sich selbst unvergleichlich klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist ausgeschlossen!
„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber verstanden haben sie nichts!“ – Davon ist er überzeugt. Denselben Gedanken äußert auch Lewin, und auf eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den dargebrachten Spenden bereits das ganze Volk seinen Willen äußere, erwidert er:
„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber und die Volksschullehrer, und von den Bauern einer von Tausend, die wissen vielleicht, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen äußern weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt einen Begriff davon, in welcher Angelegenheit sie ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“
Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß der Ausdruck „Wille des Volkes“ für die Bewegung im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten, durchaus nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes als solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich nur sein großes Mitgefühl, sein christlicher Geist und schließlich sein Bedürfnis, gewissermaßen Buße zu tun – ja, so könnte man es tatsächlich nennen. Doch zunächst will ich zu erklären versuchen, wie es möglich war, daß das Volk, das weder Geographie noch Geschichte gelernt hat, dennoch bewußt an der Bewegung für die bedrängten Balkanslawen teilnahm.
So lange das russische Volk besteht, d. h. schon seit seiner Bekehrung zum Christentum, sind immer Pilger aus Rußland nach Palästina, zum Heiligen Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen dieser Pilger von dem Erlebten und Gesehenen sind im Volk, wie alle Erzählungen vom „Göttlichen“, ungemein beliebt; man hört fast andächtig zu und behält das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen haben sich im Volk durch Generationen vererbt und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst unsere Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von Serben, Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, doch ganz genau und schon seit Jahrhunderten, daß die heiligen Stätten und die christliche Bevölkerung jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert worden sind, und daß diese Bevölkerung unter dem Joch der Ungläubigen ein schweres Leben hat. Das wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie auch aufrichtig. Denn in seinem Herzen hat sich das russische Volk immer zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt und in der Wallfahrt, wenn nicht nach Jerusalem, dann zu einem unserer russischen Klöster, eine gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens möchte ich bemerken, daß ich, indem ich von diesem historischen Zug des russischen Volkscharakters rede, ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine Tatsache feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. Was sollen wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen historischen Zug haben! Ich weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er uns zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das Wichtige immer entsprechend den wichtigsten nationalen Sondereigenheiten aus. Vorläufig hat z. B. der obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein bewußt nationales Verhalten zu jedem Kriege Rußlands mit dem Sultan zur Folge gehabt. Was jedoch den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung des vorigen Jahres gewesen zu sein.
Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, schon sechzehn Jahre, daß die Leibeigenschaft bei uns aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein Jahr ums andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das Volk, wie äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt des Zaren? Es sah zunehmende Trunksucht, sah unter seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis zum Tierischen gesunken – viele, oh, viele werden bei diesem Anblick schon Reue und Kummer empfunden haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz der Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem Guten, Heiligen ... Und da hörten sie plötzlich von Christen, die um ihres Glaubens willen gemartert werden, die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum Islam übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. Diesen ersten Gerüchten von den Vorgängen am Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den Bedrängten zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann sprach man von einem russischen General, der den Christen in ihren Kämpfen gegen die Ungläubigen beistand, dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen – alles das erschütterte das Volk. Es war wie ein Aufruf, Buße zu tun. Und da sahen und erlebten wir es: wer aus dem Volk nicht als Freiwilliger hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, ganz Rußland gab ihnen das Geleit.
Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all dem nichts gesehen, und als er dann gerade während der Hochflut der Bewegung zurückkehrte, verstand er von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. Doch was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen aus dem Klub stammen, von Rußland oder dem russischen Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin hätte freilich mehr verstehen können als der alte Fürst, doch ihn machte die Erwägung stutzig, daß das Volk ja weder Geschichte noch Geographie kennt, und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand um ihn und seine Meinung kümmerte. Freilich weiß unser Volk nichts von Geschichte und Geographie, doch das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen Neigung zu Buße und Wallfahrt eine Menge sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z. B., daß seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige Auffassung seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, wenn es vom Trinken ließe und seine Habe vermehrte und somit etwas dazu beitrüge, daß sein Vaterland endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu gleichen anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, daß Gott seine Wallfahrt durchaus nicht brauche, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie weder ihm, dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, daß seine Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil er auf lange Zeit sein Haus und seine Heimat um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen verlassen müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während es Gott unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe Zeit in seinem Gemüsegarten zubrächte oder Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr viel Vernünftiges gegen das Wallfahren vorbringen, aber – was soll man denn tun, wenn unser Volk so geartet ist, daß das Suchen des Guten in ihm fast ausschließlich diese Form angenommen hat, d. h. die Form des Bußetuns, mittels einer Wallfahrt oder eines Opfers? Jedenfalls könnte der kluge Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens diesen historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. Er könnte sich doch sagen, daß viele Freiwillige und viele von denen, die sie begleiteten, einer guten Regung folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute Tat sahen (das steht ganz außer Frage!), folglich aber waren es doch nicht „verlorene Leute“, sondern vielleicht sogar die besten aus dem Volk, und viele, sehr viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres Herzens eben als Buße und Sühne empfunden haben. Und vor seinem Zaren fühlte sich deshalb keiner schuldig, im Gegenteil, er hoffte und wartete darauf, daß sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier eingreifen werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln saßen, wir freuten uns, daß das große russische Volk unsere Hoffnung und unser großes ihm gehörendes Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl nichts so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, opferwilligen Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, der Kommune usw.! Das konnte wahrlich nur der gereizte Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu empfindliche Eigenliebe führen kann!
Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt sogar unumwunden, daß ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen nicht vorhanden sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn nicht vorhanden sei, antwortet er: