Sozialismus und Christentum.

Man versuche doch zu teilen, versuche doch einmal festzusetzen, wo die eigene Persönlichkeit aufhört und die andere anfängt! Das stelle man einmal durch die Wissenschaft fest! Die Wissenschaft macht sich eben daran. Und der Sozialismus stützt sich ja gerade auf die Wissenschaft. Im Christentum ist schon die Frage undenkbar. Welches sind die Chancen dieser und jener Lösung? – Es wird ein neuer unvorhergesehener Geist aufkommen.

Reichtum.

Reichtum ist eine Stärkung des einzelnen, eine mechanische und geistige Befriedigung, folglich eine Loslösung des Einzelnen vom Ganzen.

Das Volk.

Im Volk ist das Bedürfnis nach etwas Neuem, einem neuen Wort, einem neuen Gefühl vorhanden, das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Die sorglose Zeit der Trunkenheit nach der Bauernbefreiung geht vorüber. Noch nie ist das Volk für gewisse Einflüsse so empfänglich gewesen (und schutzlos ihnen preisgegeben) wie gerade jetzt. Z. B. die Sekte der Stundisten[36]. Sogar die nihilistische Propaganda wird ihren Weg finden. Hat es bisher nur wegen der Dummheit, Unerfahrenheit und Naivität der Propaganda noch nicht getan. Man muß auf der Hut sein. Man muß das Volk beschützen. Unsere Kirche aber verharrt seit Peter dem Großen in einem Zustande der Lähmung. Es ist eine furchtbare Zeit, und dazu nun noch diese Trunksucht. Und die Stundisten. Währenddessen ist unser Volk fast ganz sich selbst überlassen, nur auf die eigenen Kräfte angewiesen. Unsere Intelligenz – alles geht vorüber.

Rußland und die Korporationen.

Deutsche, Polen, Juden – lauter Korporationen, und helfen sich gegenseitig. Nur in Rußland gibt es keine Korporationen, nur Rußland allein ist geteilt. Und außer diesen Korporationen noch die mächtigste: die alte administrative Routine. Man sagt: unsere Gesellschaft sei nicht konservativ. Allerdings; die historische Entwicklung der Dinge (seit Peter) hat sie ja selber dazu gemacht. Und vor allem: sie sieht nicht, was es zu konservieren, zu erhalten gäbe. Alles ist ihr genommen, sogar die gesetzliche Initiative. Alle Rechte des russischen Menschen sind negativ. Gebt ihm etwas Positives und ihr werdet sehen, daß er gleichfalls konservativ sein wird. Dann hätte er doch etwas, was zu erhalten wäre. Nicht konservativ ist er bloß deshalb, weil es bei uns nichts zu erhalten gibt. „Je schlimmer, desto besser“ – das ist doch bei uns nicht etwa eine leere Redensart, sondern zum Unglück – die Sache selbst.

Frankreich.

„Nowoje Wremja“, Nr. 1667, 28. Oktober 1880. Baron Hübner prophezeit die nächsten sozialistischen Bewegungen in Frankreich und in Europa. Rußland wird zum Bündnis aufgefordert. (Rußland soll nicht darauf eingehen! Es soll seine eigenen Vorteile wahrnehmen! Der Sozialismus wird an Rußland zerschellen.) In Frankreich werden sich den Sozialisten unfehlbar die Jesuiten anschließen und überhaupt alle Katholiken, die dank Gambettas Dummheit aus Paris ausgewiesen sind, alle Legitimisten und Bonapartisten werden sich dem Sozialismus zuwenden. Freilich ist das konservative Frankreich noch stark, trotz der Dummheit der Regierenden und der Dummheit der Republik. Aber das ist der Anfang vom Ende. Das Ende der Welt naht. Das Ende des Jahrhunderts wird sich in einer Erschütterung kundtun, wie noch nie zuvor. Rußland muß bereit sein, soll sich nicht bewegen, soll aufpassen und warten. Wenn es sich nur nicht zu einem Bündnis verleiten läßt! Das wäre furchtbar! Dann ist es aus mit Rußland, endgültig aus. Bei uns gibt es keinen Sozialismus, absolut keinen. Der ganze gesunde Teil des russischen Volkes aber wird sich nicht rühren, und der ist unzählbar groß.