Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen, unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun! Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt, so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit, Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei denken; das bedeutet, daß er von allen gewählt sein will. Darin aber besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er, wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“ sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt, daß ihn alle wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch, gelinde gesagt, etwas wunderlich vor.

Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist, daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen, ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe, unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ...

Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung der Weltmacht des Papstes.“

Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen! Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat, daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner Regierung nicht zugleich das Gouvernement der Patres bringen will. Nun – diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist, vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der letzte Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum letzten Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab verstehen, sich ans Volk zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen. Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern. Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für Christus nehmen.

Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber, wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des „Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen von Chambord, seine Lösung in dem großen und unfreiwilligen Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein, solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt vorübergehen lassen können.

Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig vertreiben kann?

Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und „unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem status in statu, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der böse Geist ist stärker und reiner als sie! Nicht mit diesem Heer kann der Graf von Chambord sein neues Wort sagen. Wenn aber nicht mit diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens – bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen? Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das einzige, das eine neue, positive Idee bringt, als der einzige, ganz Europa vorherbestimmte Ausweg, als das einzige Heil. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder vielleicht werden ihn schauen ...

Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist: niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die geringsten Mittel, es zu retten.

Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich in anderem Zusammenhange einmal versuchen.

Parteimenschen