Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern; denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. – Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie tun?

Frankreich und Deutschland

In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen. Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise – „der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist. Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich gewesen wäre.

Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist, auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird – so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen germanischen Koloß zutreffend sein könnte?

Frankreich und die Kultur

Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs, dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards. Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her, daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines sine qua non, das zu erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?

Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15 Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch neue Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt, überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich, die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst – und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“

Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.

Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“ desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.

Ich habe gesagt, daß diese große Nation leben will, – um jeden Preis! Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „chacun pour soi“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des unmittelbaren Lebens versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.