Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres Beispiel.

Die Lage Frankreichs

Unselige Pechvögel
(Französische Republikaner)

Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine, starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu existieren, hat sie selten jemand für eine nicht vorübergehende, für die definitive politische Institution Frankreichs genommen. Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die französischen Republikaner selbst.

Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, nota bene, in Frankreich nicht allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen, diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch – was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben, wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar komisch war; denn wahrlich nicht in der Gestalt hatten sie sich den Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!

Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt, vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden, wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort „Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die allerkomischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage, daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht liegt, dem Vaterlande wissentlich zum Verderben dienen zu müssen; zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es, zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar, daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, Heere ... Und kann denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa nicht verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere Unabhängigkeit wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird, anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer bewußter und schließlich offen und laut ...

Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen vertagt hat. Jetzt sind sie die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich die Marseillaise anstimmen und der Ruf „on assassine nos frères!“ von Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser „Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten, darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“. Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer „Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert, wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist. Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die Armee?

Ein merkwürdiger Charakter
(Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)

Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der „Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich dann seinerseits mit der Meinung des Landes nicht einverstanden zu erklären und sich dem Willen desselben nicht zu fügen. Solch ein erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben! In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir, unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden, allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube – wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen, so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu seinem Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur, weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es ihm gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er, Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den Umfang und die Macht dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren, für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen, natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt, selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen, dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der These: „J’y suis et j’y reste“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja, irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt, man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man, sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in eine europäische verwandeln ...

Die katholische Verschwörung