Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat, mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort, bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen „Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos Österreich!

Österreichs gegenwärtige Gedanken

„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt, tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches Reich nur befinden kann?“

Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen! Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt, als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: man „bewahrt“ diese Unruhen für alle Fälle auf, in Anbetracht dessen, daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen Lage fühlt, sich für eine weitsichtige und sehr bestimmte Politik doch noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was wird ihm die Vernunft zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren Bissen.

Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“ berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen Anteil, falls es zu ihnen nicht kommen sollte. Und das bloß mit der „Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig, horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten, allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig: eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland entschieden unvermeidlich ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh, Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen, daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das Schicksal selber.

Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine fernere Politik, für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt. Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel, dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und denkt. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!

Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder vorgeschlagen worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür ... viel bekommen wird. Und zwar für eine lumpige Neutralität, bloß dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich, kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung verdienen. Es kann doch nicht ganz ohne Frankreich bleiben, besonders nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben ...

„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst phantastischer, – nämlich:

„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik, oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.

Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen, und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt, Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird. Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen, was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“