Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick glaubte er mir.
„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich zitternd.
„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in den Bart, wie um mich zu beruhigen.
Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf.
„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“
Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch ...“
Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte, während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese Halluzinationen der Kinderjahre.
„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an.
„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst.
Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug.