„Haben Sie sie wirklich einmal geliebt?“

„Anfangs, ja, da habe ich sie geliebt. Doch genug davon ... Es gibt Weiber, die nur zu Geliebten taugen und zu nichts weiter. Ich will damit nicht sagen, daß sie meine Geliebte gewesen sei. Wenn sie vernünftig leben will, werde auch ich vernünftig leben. Fällt es ihr aber ein, rebellisch zu werden, so verlasse ich sie sofort und ziehe mit dem Gelde los. Ich will mich nicht lächerlich machen lassen – das vor allen Dingen nicht.“

„Es will mir immerhin scheinen,“ begann der Fürst vorsichtig, „daß Nastassja Filippowna klug ist. Weshalb sollte sie dann, wenn sie doch diese Qualen voraussieht, in die Falle gehen? Sie könnte ja ebensogut einen anderen heiraten. Das ist es, was mich wundert.“

„Aber da liegt doch gerade die Berechnung! Sie wissen nicht alles, Fürst ... hier ... und außerdem ist sie überzeugt, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, das schwöre ich Ihnen, und wissen Sie, ich vermute stark, daß auch sie mich liebt, auf ihre Art, versteht sich, etwa nach dem Sprichwort: ‚Wen ich liebe, den schlage ich.‘ Sie wird mich ihr Leben lang für einen dummen Jungen halten – das ist ja aber vielleicht gerade das, was sie haben will! – und mich dabei doch auf ihre Art lieben; wenigstens bereitet sie sich dazu vor, das ist nun einmal ihr Charakter. Sie ist eine echt russische Frau, das können Sie mir glauben. Nun, ich aber habe auch schon meine Überraschung für sie in Bereitschaft. Diese Szene vorhin mit Warjä kam ganz unerwartet, doch kann sie für mich nur vorteilhaft sein: jetzt hat sie selbst gesehen und sich überzeugt, daß ich zu ihr halte und um ihretwillen mit allem zu brechen bereit bin. Ja, ja, auch wir sind nicht ganz so dumm, wie es vielleicht den Anschein hat, ich versichere Sie. Oder glauben Sie am Ende gar, daß ich nichts als ein leerer Schwätzer bin? Lieber Fürst, es ist vielleicht tatsächlich dumm von mir, daß ich mich Ihnen anvertraue. Ich tue es ja nur, weil Sie der erste edle Mensch sind, der mir begegnet ist, deshalb habe ich mich nun sofort auf Sie gestürzt ... das heißt, das sollte keine Anspielung sein. Sie sind mir doch wegen des Vorgefallenen nicht mehr böse, wie? Ich spreche vielleicht jetzt nach zwei Jahren wieder zum erstenmal frei vom Herzen. Hier gibt es furchtbar wenig ehrliche Menschen; Ptizyn ist noch der ehrlichste unter ihnen. Wie, Sie lachen, scheint es, oder nicht? Schufte haben immer ehrliche Menschen gern – wußten Sie das noch nicht? Ich aber bin doch ... Übrigens, inwiefern bin ich denn ein Schuft, sagen Sie mir das doch auf Ehre und Gewissen? Weshalb nennen mich alle, nachdem sie’s einmal getan hat, einen Schuft? Und wissen Sie, weil sie es gesagt hat und die anderen es nachschwätzen, nenne auch ich mich so! Sehen Sie, das ist gemein von mir, – das ist so scheußlich gemein!“

„Ich werde Sie jetzt nie mehr so beurteilen,“ sagte der Fürst. „Vorhin hielt ich Sie bereits für einen ausgesprochenen Verbrecher ... Doch da kamen Sie und bereiteten mir diese Freude. Das war eine gute Lehre: Nicht urteilen, ohne geprüft zu haben. Jetzt sehe ich, daß man Sie nicht nur nicht für einen Verbrecher, sondern nicht einmal für einen allzu verdorbenen Menschen halten kann. Sie sind meiner Ansicht nach einfach der gewöhnlichste Mensch, den es nur geben kann, abgesehen höchstens von dem einen, daß Sie so ungemein schwach sind und so gar nicht originell.“

Ganjä lächelte spöttisch in sich hinein, schwieg aber. Als der Fürst sah, daß seine Äußerung ihre Wirkung verfehlt hatte, blickte er verwirrt zu Boden und schwieg gleichfalls.

„Hat mein Vater Sie schon um Geld gebeten?“ fragte plötzlich Ganjä.

„Nein.“

„Dann wird er Sie noch bitten, geben Sie ihm aber nichts. Und doch war er einmal ein anständiger Mensch, ich weiß, ich entsinne mich. Er verkehrte mit angesehenen Leuten. Wie schnell doch diese Leute alle verschwinden! Kaum hatten sich die Verhältnisse geändert, und aus war es mit ihnen, wie wenn Pulver verbrennt! Früher log er nicht so wie jetzt, ich versichere Sie. Früher war er nur ein begeisterungsfähiger Mensch, jetzt aber – Sie sehen, was aus ihm geworden ist. Natürlich hat auch der Wein seine Schuld daran. Wissen Sie schon, daß er eine Geliebte hier unterhält? O ja, er ist nicht nur so ein unschuldiger kleiner Lügner. Ich kann bloß die Langmut meiner Mutter nicht begreifen. Hat er Ihnen von der Belagerung der Festung Kars erzählt?“ Ganjä lachte. „Oder wie sein Schimmel das Maul auftat und sprach? Bisweilen kommt es sogar so weit!“ Und Ganjä hielt sich beinahe die Seiten vor Lachen.

„Weshalb sehen Sie mich so an?“ fragte er den Fürsten nach einer Weile verwundert.