„Ganjä weiß es nicht? Ich glaube, Ganjä weiß noch sehr vieles nicht,“ kam es dem nachdenklichen Fürsten unwillkürlich über die Lippen.
„Wissen Sie Fürst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.“
„Auch Sie gefallen mir sehr, Koljä.“
„Hören Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir irgendeine Beschäftigung suchen und Geld verdienen – wollen wir dann alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! – und der General kann uns dann besuchen!“
„Mit dem größten Vergnügen. Doch wir werden ja übrigens noch sehen ... Ich bin sehr ... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem Hause? ... Was für eine prächtige Vorfahrt! Der Schweizer öffnet schon ... Nun, Koljä, ich weiß nicht, was daraus werden wird ...“
Der Fürst stand wie verloren vor der Tür.
„Nun, morgen werden Sie mir alles erzählen! Lassen Sie den Mut nicht sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurück und werde Hippolyt alles erzählen. Daß Sie empfangen werden, ist bombensicher, eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu fürchten! Sie ist unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht’s hinauf, im ersten Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.“
XIII.
Der Fürst suchte, als er die Treppe hinaufstieg, mit aller Gewalt seiner Aufregung Herr zu werden. „Das Schlimmste, was mir begegnen kann,“ dachte er, „ist, daß man mich empfängt und etwas Schlechtes von mir denkt ... oder schließlich empfängt man mich auch, um dann über mich zu lachen? ... Ach, mögen sie doch!“ Was ihn aber am meisten schreckte, war der Gedanke oder die Frage, was er denn dort eigentlich zu tun beabsichtige, und weshalb er überhaupt hinging, – eine Frage, auf die er entschieden keine zufriedenstellende und beruhigende Antwort zu finden vermochte. Selbst wenn sich ihm dort die Gelegenheit böte, Nastassja Filippowna unbemerkt zu sagen: Heiraten Sie diesen Menschen nicht, stürzen Sie sich nicht ins Verderben, er liebt nicht Sie, sondern Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja Jepantschina hat es mir gesagt, ich aber bin gekommen, um es Ihnen zu hinterbringen, – so war damit wohl kaum in jeder Beziehung das Richtige getan. Ferner gab es da noch eine andere schwierige Frage, und zwar eine von solcher Wichtigkeit, daß der Fürst nicht einmal an sie zu denken wagte, geschweige denn, sie bewußt als vorhandene Tatsache anerkannte; ja, er hätte sie kaum zu formulieren verstanden, und er errötete und zitterte, sobald seine Gedanken nur in diese Richtung kamen. Doch wie dem auch war, jedenfalls endete es damit, daß er trotz aller Zweifel und Befürchtungen die Glocke zog, eintrat und sich bei der Dame des Hauses anmelden ließ.
Nastassja Filippowna hatte eine nicht sehr große, doch luxuriös eingerichtete Wohnung inne. Zu Anfang dieser fünf Jahre, die sie nun schon in Petersburg lebte, hatte Afanassij Iwanowitsch Tozkij ganz besonders viel Geld für sie verschwendet. Damals hatte er noch auf ihre Liebe gerechnet und geglaubt, sie mit Luxus und Geld betören zu können, mit Dingen, die, wie er wußte, bald unentbehrlich werden, wenn man sich einmal an sie gewöhnt hat. Tozkij blieb eben seinen guten alten Anschauungen treu, ohne von ihnen auch nur das Geringste aufzugeben. So hoch schätzte er die „unbezwingliche Macht“ seiner sinnlichen Einwirkungen ein! Nastassja Filippowna wies die prunkvolle Ausstattung nicht zurück, ja, sie gefiel ihr sogar. Nichtsdestoweniger aber – und das war doch sehr sonderbar – ließ sie sich durch dieselbe nicht im geringsten bestechen. Es war, als hätte sie jeglichen Komfort mit Leichtigkeit entbehren können. Ja, sie äußerte sich sogar hin und wieder in diesem Sinne – was Afanassij Iwanowitsch Tozkij recht unangenehm überraschte. Übrigens gab es da noch so manches an ihr, das ihm im Laufe der Zeit peinliche Überraschungen bereitete. Ganz abgesehen von der (gelinde gesagt) Unvornehmheit der Menschensorte, mit der sie verkehrte – und das hieß doch so viel, daß sie sich zu den Betreffenden hingezogen fühlte – legte sie noch andere äußerst seltsame Neigungen an den Tag. Es war eine geradezu barbarische Mischung zweier Geschmacksrichtungen in ihr: sie war fähig, sich mit Dingen abzugeben und an Dingen Gefallen zu finden, deren bloßes Dasein ein feingebildeter, ästhetisch empfindender Mensch, wie man meinen sollte, überhaupt nicht für möglich halten konnte. Dagegen: hätte Nastassja Filippowna z. B. eine liebe kleine Unwissenheit verraten, wie etwa die, daß Bauernmädchen ebensolche Batistwäsche tragen wie sie, so hätte das Afanassij Iwanowitsch aus unbestimmten Gründen sehr angenehm berührt. Hätte doch nach Tozkijs Erziehungsprogramm Nastassja Filippownas wissenschaftlich-literarisch-ästhetische Bildung unfehlbar zu diesen Resultaten führen müssen – und er hielt sich für durchaus kompetent in solchen Fragen. Doch leider waren die Resultate, wie es sich in der Praxis erwies, ganz anderer und zum mindesten sehr seltsamer Art. Trotzdem aber war und blieb in Nastassja Filippowna ein „Etwas“, das sogar Tozkij durch seine ungewöhnliche und anziehende Originalität, durch seine gewisse Kraft stutzig machte und ihn auch jetzt noch mitunter bestrickte, obschon doch alle seine Hoffnungen auf Luftschlösser schon längst, längst eingestürzt waren.