„Ferdyschtschenko: entweder Sie erzählen oder Sie schweigen! Sie bringen einen ja um den letzten Rest Geduld!“ sagte Nastassja Filippowna ärgerlich.

„Im Augenblick, Nastassja Filippowna! Aber wenn schon der Fürst es gestanden hat – denn ich behaupte, daß er es so gut wie tatsächlich gestanden hat –: was würde dann noch irgendein anderer gestehen müssen – ich rede ganz objektiv, ohne dabei an einen der Anwesenden speziell zu denken –, wenn er es sich einmal einfallen ließe, die Wahrheit zu sagen? Was nun mich betrifft, meine Damen und Herren, so lohnt es sich weiter gar nicht, zu erzählen: ’s ist sehr einfach, sehr dumm und sehr häßlich. Aber ich versichere Ihnen, ich bin kein Dieb. Gestohlen habe ich, ohne selbst zu wissen, wie. Es war das vor etwa drei Jahren, auf der Datsche[11] Ssemjon Iwanowitsch Ischtschenkos, an einem Sonntage. Es waren mehrere Gäste zu Tisch. Nach dem Essen blieben die Herren noch beim Wein sitzen. Da fiel es mir ein, Marja Ssemjonowna, die Tochter des Hausherrn, um einen musikalischen Genuß zu bitten, d. h. ich wollte sie bitten, uns etwas auf dem Flügel vorzuspielen. Wie ich nun gehe, um sie zu suchen, komme ich auch ins Eckzimmer, und da sehe ich: – auf dem Nähtischchen Marja Iwanownas liegt ein grünes Papier: ein Dreirubelschein. Sie hatte ihn kurz vorher herausgenommen, da sie das Geld in der Wirtschaft brauchte. Kein Mensch im Zimmer. Ich nahm den Schein und schob ihn in die Westentasche. Weshalb? – Das weiß ich selbst nicht. Ich begreife wirklich nicht, was mir in dem Augenblick einfiel. Nur drückte ich mich schleunigst und setzte mich wieder an den Tisch zu den Gästen. Ich saß und wartete die ganze Zeit in nicht geringer Erregung, schwatzte aber ohne Unterlaß, erzählte Anekdoten, lachte, ging dann zu den Damen hinüber, setzte mich zu ihnen. Nach einer halben Stunde ungefähr – bemerkte man den Diebstahl und begann die Dienstboten auszufragen. Der Verdacht fiel auf das Stubenmädchen Darja. Ich zeigte eine ungeheure Neugier und Teilnahme, und als Darja ganz konfus wurde, redete ich ihr zu, ihre Schuld doch einzugestehen, und bürgte mit meinem Kopf dafür, daß die gnädige Frau ihr verzeihen würde, und zwar redete ich laut, so daß alle es hörten! Alle sahen sie an, ich aber empfand ein ganz besonderes Vergnügen bei dem Gedanken, daß ich großartig Moral predigte, während der Schein in meiner Tasche steckte. Ich vertrank diese drei Rubel noch am selben Tag im Restaurant. Ich ging hinein und verlangte eine Flasche Lafitte. Niemals hatte ich so ohne Imbiß Wein verlangt und eine Flasche solo ausgetrunken, und noch dazu Lafitte. Ich wollte nur schnell das Geld loswerden. Besondere Gewissensbisse habe ich weder damals noch später empfunden. Ein zweites Mal würde ich’s bestimmt nicht tun. Das können Sie mir nun glauben oder nicht glauben, ganz wie es Ihnen beliebt, das interessiert mich nicht. Nun, das wäre also meine Geschichte.“

„Nur ist das selbstverständlich nicht Ihre schlechteste Tat,“ sagte Darja Alexejewna angewidert.

„Das ist ein psychologischer Fall, aber keine Tat,“ bemerkte Tozkij.

„Und das Mädchen?“ fragte Nastassja Filippowna, ohne ihren Ekel zu verbergen.

„Das Mädchen wurde am nächsten Tage fortgejagt. Es war ein strenges Haus.“

„Und Sie ließen das zu?“

„Na, hören Sie mal! Das wäre doch schön, wenn ich dann noch hingegangen wäre, um mich als Dieb vorzustellen?“ Und Ferdyschtschenko lachte, jedoch nicht allzu laut; denn er war doch etwas verdutzt über den so auffallend unangenehmen Eindruck, den seine Erzählung auf alle Anwesenden gemacht hatte.

„Wie schmutzig das ist!“ rief Nastassja Filippowna aus.

„Bah! Sie wollen von einem Menschen seine gemeinste Handlung hören und verlangen dabei eine glänzende Heldentat! Gemeine Handlungen sind immer schmutzig, Nastassja Filippowna, das werden wir ja auch sogleich von Iwan Petrowitsch Ptizyn hören. Und was erscheint nicht alles von außen glänzend und tugendhaft, bloß weil es in eigener Equipage fährt! Als ob wenige in eigenen Equipagen fahren! Wie aber diese ...“