„Ja, wie soll ich’s denn wissen!“ lachte Rogoshin boshaft. „In Moskau hab’ ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: ‚Du hast dein Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist? Sieh, solch eine bist du!‘ sagte ich.“

„Das sagtest du ihr ins Gesicht?“

„Ja.“

„Und?“

„‚Ich werde dich,‘ antwortete sie, ‚ich werde dich jetzt vielleicht noch nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!‘ – ‚Und du glaubst, daß ich fortgehe?‘ fragte ich. – ‚Dann werde ich sofort Keller rufen,‘ sagte sie, ‚und ihm befehlen, dich hinauszuwerfen.‘ Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken hatte.“

„Nicht möglich! Das kann nicht sein!“ stieß der Fürst atemlos hervor.

„Ich sage: es war so,“ sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin. „Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. ‚Ich sterbe, aber ich gehe nicht eher fort,‘ sagte ich, ‚ich gehe nicht eher fort, als bis du mir verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich, denn – was bin ich jetzt noch ohne dich?‘ Wie eine Wahnsinnige war sie den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine Rasende zu beschimpfen, – jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller, Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und begann mich wieder zu schmähen. ‚Gehen wir, meine Herren,‘ sagte sie dann, ‚gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber, Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen, Sie müssen ja ganz hungrig sein.‘ Aus dem Theater kehrte sie allein zurück. ‚Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,‘ sagte sie, ‚alle haben sie Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh, so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und siehst! Hast du Tee getrunken?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich, ‚und ich werde es auch nicht.‘ – ‚Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas anderes, aber so – wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.‘ Und wie sie gesagt hatte, so tat sie’s auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb offen. Am nächsten Morgen kam sie – lachte. ‚Bist du denn ganz von Sinnen, sag’ doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.‘ – ‚Vergib,‘ sagte ich. ‚Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht; es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?‘ – ‚Nein, ich habe nicht geschlafen,‘ sagte ich. – ‚Ach, wie klug! Und Tee trinken und essen wirst du wieder nicht?‘ – ‚Ich habe doch gesagt: Vergib!‘ – ‚Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt, ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!‘ Dann wurde sie böse, aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht, vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden kann. Und das ist wahr. ‚Weißt du auch, wer das ist: der römische Papst?‘ fragte sie. – ‚Ja, ich habe gehört, wer das ist,‘ sage ich. ‚Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht viel gelernt!‘ sagt sie. – ‚Ich habe überhaupt nichts gelernt,‘ sage ich. – ‚Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör’ zu: Es war einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du – was hat wohl der Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde es dir selbst vorlesen!‘ sagte sie und stand auf und brachte das Buch. ‚Es sind Verse,‘ sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. ‚Gefällt dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?‘ fragte sie. – ‚Das stimmt alles, was du da gelesen hast,‘ sage ich. – ‚Aha,‘ rief sie aus, ‚du gibst also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!‘ – ‚Ich weiß nicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denk’ auch ich so!‘ – ‚Wie, weißt du das denn nicht?‘ – ‚Ach,‘ sag’ ich ‚ich weiß es nicht, nicht daran denke ich jetzt.‘ – ‚Woran denkst du denn jetzt?‘ – ‚Wenn du aufstehst vom Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen, und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest ...‘ – ‚Ja, dann denkst du ja vielleicht,‘ lachte sie, ‚dann denkst du ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?‘ – ‚Vielleicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denke ich auch daran nicht mehr, ich weiß nicht.‘ – ‚Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht heirate?‘ – ‚Ich habe gesagt, ich ertränke mich.‘ – ‚Schlägst mich aber vorher wahrscheinlich noch tot ...‘ Sagte es und wurde nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. ‚Ich werde dich heiraten, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagt sie, ‚doch nicht deshalb, weil ich dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man umkommt. Wo ist’s denn besser? Setz’ dich,‘ sagt sie, ‚man wird dir gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,‘ fügte sie hinzu, ‚werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu zweifeln, kannst ruhig sein.‘ Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte sie noch: ‚Du bist doch kein Lakai – ich dachte früher, du seist ein echter, ein ganzer Lakai.‘ Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte sie: ‚Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.‘ Siehst du, so stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew Nikolajewitsch?“

„Wie denkst du selbst darüber?“ fragte der Fürst mit traurigem Blick auf Rogoshin.

„Denk’ ich denn überhaupt!“ entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und schwieg.