„Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen ... jedoch nicht von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten ... ich will nichts feststellen, ich glaube es ... ich ... ich verzichte ... Die Zehntausend will ich nicht ... adieu ...“
Er nahm seine Mütze, schob den Stuhl zurück und wollte fortgehen.
„Verzeihung, Herr Burdowskij,“ hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit leiser, süßlich klingender Stimme zurück, „könnten Sie nicht noch fünf Minuten verzögern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige äußerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich für Sie wichtige, für uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach dürften Sie es sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird Ihnen gewiß eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein für allemal aufgeklärt und damit abgetan ist ...“
Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er übrigens einen so starken Hustenanfall, daß auf dem Taschentuch, das er vor den Mund preßte, Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.
„Ach, Antip!“ rief er plötzlich kummervoll aus, „hab’ ich’s dir damals nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, daß du vielleicht wirklich gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!“
Verhaltenes Lachen ertönte, zwei oder drei lachten lauter.
„Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller,“ griff Gawrila Ardalionytsch schnell auf, „ist als Faktum von unschätzbarer Bedeutung. Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten, daß Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war, von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch völlig ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den größten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf kurze Zeit nach Rußland zurückgekehrt. Außerdem ist seine Abreise anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig aufsehenerregend gewesen, daß es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht mehr erinnern. Deshalb wären auch alle meine Nachforschungen ergebnislos gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die Hände gespielt hätte. Und deshalb wären auch für Herrn Burdowskij und sogar für Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmöglich gewesen, selbst wenn sie welche hätten vornehmen wollen ...“
„Erlauben Sie, Herr Iwolgin,“ unterbrach ihn plötzlich Hippolyt gereizt, „wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache ist doch erklärt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine Verteidigungsrede für Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus Unwissenheit getan hat? Das wäre denn doch zu verletzend, mein Herr! Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es kränkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das hätten Sie erraten, begreifen sollen ...“
„Pardon, Herr Terentjeff, erlauben Sie, daß ich fortfahre,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch, „beruhigen Sie sich, Sie regen sich ganz unnütz auf. Sie sind, glaube ich, sehr krank. Ich kann Ihnen durchaus nachfühlen ... In dem Falle habe ich, wenn Sie wollen, alles gesagt oder vielmehr bin ich gezwungen, nur noch in aller Kürze jene Fakta mitzuteilen, die zu erfahren meiner Meinung nach nicht überflüssig sein dürfte,“ lenkte er ein, als er eine gewisse allgemeine Bewegung bemerkte, die bereits Ungeduld zu verraten schien. „Ich habe Ihnen mitzuteilen, Herr Burdowskij, daß Herr Pawlischtscheff nur deshalb Ihrer Mutter gutgesinnt gewesen ist und ihr so oft geholfen hat, weil sie die leibliche Schwester jenes Hofmädchens ist, in die sich Herr Pawlischtscheff in seiner Jugend so verliebt hatte, daß er sie unfehlbar geheiratet hätte, wenn sie nicht gestorben wäre. Ich habe Beweise, daß dieser Jugendroman nur sehr wenigen bekannt gewesen und von diesen alsbald sogar ganz vergessen worden ist. Ferner kann ich Ihnen mitteilen, daß Herr Pawlischtscheff Ihre Mutter seit ihrem zehnten Jahre hat erziehen lassen und ihr eine gute Mitgift gegeben hat, und gerade diese seine Anteilnahme hat unter seinen Verwandten und Bekannten eine gewisse Besorgnis erregt und zu verschiedenen Gerüchten Anlaß gegeben; eine Zeitlang hat es sogar geheißen, daß er seinen Pflegling heiraten würde. Doch es endete damit, daß sie im Alter von zwanzig Jahren aus Liebe, wofür ich gleichfalls Beweise habe, den Feldmessungsbeamten Burdowskij heiratete. Ferner habe ich die sichersten Beweise dafür, daß Ihr Vater, Herr Burdowskij, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter, die sich auf fünfzehntausend Rubel belief, seinen Dienst aufgab, sich an verschiedenen kommerziellen Spekulationen beteiligte, betrogen wurde, das ganze Kapital verlor und vor Kummer zu trinken begann, worauf er bald erkrankte und starb, im achten Jahr seiner Ehe mit Ihrer Mutter. Ihre Mutter blieb hierauf, wie sie mir selbst erzählt hat, in der größten Armut zurück und wäre elend zugrunde gegangen, wenn nicht Herr Pawlischtscheff ihr großmütig immer wieder geholfen hätte. Er hat ihr bis zu sechshundert Rubel im Jahr gegeben. Ferner gibt es unzählige Beweise dafür, daß Pawlischtscheff Sie als Kind sehr liebgewonnen hatte. Aus diesen Beweisen und nicht zum mindesten aus den Aussagen Ihrer Mutter geht hervor, daß er Sie hauptsächlich deshalb so liebgewonnen, weil Sie ein schwächliches, stotterndes, armseliges Kindchen gewesen sind. Pawlischtscheff aber hat bekanntlich sein Leben lang eine ganz besondere, fast zärtliche Liebe für alles Behaftete empfunden, für alles ‚von der Natur Gekränkte‘, wie das Volk sagt, namentlich aber für solche Kinder. Diese Tatsache, für die ich gleichfalls mehrere Beweise habe, ist für uns in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit. Und schließlich kann ich mich noch rühmen, auch das erklären zu können, wie diese auffallende Liebe Pawlischtscheffs – dank dessen Hilfe Sie das Gymnasium besucht und unter besonderer Aufsicht gelernt haben – mit der Zeit unter seinen Verwandten den Glauben erweckt hat, daß Sie sein Sohn seien. Doch dieser Glaube ist erst in den letzten Lebensjahren Pawlischtscheffs, als man sich seines Testaments wegen Sorgen zu machen begann, in seinen Verwandten zur Überzeugung geworden, also erst dann, als die alten Fakta vergessen waren und Nachforschungen immer unmöglicher wurden. Zweifellos ist dieses Gerücht auch Ihnen zu Ohren gekommen und hat dann auch einen entsprechenden Eindruck auf Sie gemacht. Ihre Mutter, die persönlich kennen zu lernen ich das Vergnügen gehabt habe, hat zwar von diesen Gerüchten gehört, weiß aber bis jetzt noch nicht – auch ich verschwieg es natürlich –, daß auch Sie, ihr Sohn, sich von ihnen haben beeinflussen lassen. Ihre Mutter fand ich in Pskow krank und in großer Armut vor, da sie mit Pawlischtscheffs Tod nicht nur den Freund und Gönner, sondern auch die Unterstützung verloren hatte. Unter Tränen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, daß sie nur noch dank Ihrer Hilfe lebe; sie erwartet große Dinge von Ihnen und glaubt felsenfest an Ihre zukünftigen, großen Erfolge ...“
„Das ist aber jetzt doch nicht mehr zu ertragen!“ erklärte plötzlich laut in größter Ungeduld Lebedeffs Neffe. „Was bezwecken Sie mit der Wiedergabe dieses ganzen Romans?“