Doch der Fürst sagte nichts.

Da begann Ganjä auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere Aufforderung des Fürsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch früher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang vorgestellt worden sei; und daß er sie mit den anderen zusammen in ihrem Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Gründen nicht anzunehmen. Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so könne sehr wohl etwas Wahres daran sein (das wurde von Ganjä mit auffallender Sicherheit behauptet, – offenbar hatte er etwas Näheres hierüber von Ptizyn erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermögen sei allerdings sehr groß, „doch zum Teil sind seine Vermögensverhältnisse ziemlich im unklaren,“ fügte er kurz hinzu und damit brach er plötzlich ab. Auch über Nastassja Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warjä, um den Bruder abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzählte – gleichfalls ungebeten –, daß Jewgenij Pawlowitsch „heute den ganzen Tag und vielleicht auch noch morgen“ in Petersburg bleiben werde, und daß auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen, sagte sie dann noch, daß Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warjä, daß Aglaja sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, – „und sogar wirklich im Ernst“. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmütig diese Nachrichten – die für den Fürsten von so großer Wichtigkeit waren! – mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.

Der Fürst blieb allein zurück. Auch Burdowskijs hatte Ganjä mit keinem Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefühl, um den Fürsten nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Fürst ließ es sich trotzdem nicht entgehen, ihm für seine Mühe zu danken.

Es freute ihn sehr, daß er endlich allein war. Langsam stieg er die Stufen der Terrasse hinunter und ging über den Fahrweg in den Park. Er wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu tun, reiflich überlegen. Doch dieser „Schritt“ war gerade einer von denen, die man sich nicht überlegt, sondern zu denen man sich einfach kurz entschließt; er wollte plötzlich unsäglich gern wieder dorthin zurückkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurücklassen, wie es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende Ahnung sagte ihm, daß er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb, sich rettungslos in diese Welt würde hineinziehen lassen, und diese Welt, die würde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, daß es „ganz unmöglich“ für ihn sei, so zu flüchten, daß es von ihm „kleinmütig“ wäre, daß er jetzt vor großen Aufgaben stände, die er unbedingt lösen müsse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch überhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern müsse zum mindesten alle seine Kräfte anspannen zu ihrer Lösung. Mit diesem Gedanken kehrte er zur Villa zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde im Park gewesen war. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich in diesem Augenblick.

Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurückgekehrt, und so gelang es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim Fürsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch nicht gerade nüchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine geradezu verblüffende Offenherzigkeit mehr als verdächtig. Er begann sogleich damit, daß er den Grund seines Erscheinens erklärte: er sei gekommen, um dem Fürsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, und nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die Tür gewiesen hätte, wäre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da, fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz plötzlich auf den Schluß über und erklärte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von Sittlichkeit „abhanden gekommen“ – und das einzig infolge seines Unglaubens an den Höchsten –, so daß er sogar gestohlen habe.

„Können Sie sich das vorstellen!“

„Hören Sie, Keller, ich würde an Ihrer Stelle doch nicht so unnützerweise solche Dinge gestehen,“ wandte der Fürst ein. „Doch – vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwärzen? Wozu sagen Sie das alles?“

„Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu fördern! Sonst keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwärts gen Himmel! Aber, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur wüßten, wie schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens gefälligst sagen könnten? Die einzige Antwort ist: ‚Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du welches‘, – mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. – Können Sie sich das vorstellen? Ich – wurde schließlich wütend, stand, stand: – ‚Aber für Smaragden‘, fragte ich, ‚geben Sie dafür auch welches?‘ – ‚Gewiß, auch für Smaragden geben wir welches.‘ – ‚Na, bon,‘ sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol’ sie samt und sonders, ’s ist ’ne Gaunerbande, bei Gott!“

„Hatten Sie denn Smaragden?“

„Wie sollt’ ich wohl Smaragden haben? Oh, Fürst, wie ahnungslos und unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen – schäferhaft Sie noch auf das Leben blicken!“