Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen, ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm erwartet.
„Also ... wie Sie das doch sonderbar ...“ begann er verwundert, „... Und Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?“
„Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?“ versetzte der Fürst erstaunt.
Alle lachten.
„Glauben Sie das doch nicht,“ Adelaida lachte, „Jewgenij Pawlowitsch treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem redet!“
„Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen wir daher dieses Gespräch,“ versetzte Alexandra unwillig. „Wir wollten doch spazieren gehen.“
„Gewiß, gehen wir, der Abend ist wundervoll!“ rief Jewgenij Pawlowitsch lebhaft aus. „Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich diesmal im Ernst gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Fürst – Sie haben mich in der Tat außerordentlich zu interessieren gewußt, Fürst, und ich versichere Sie, daß ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin, wie es den Anschein haben muß ... obschon ich in der Tat ein leerer Mensch bin! – und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Fürsten stellen, nur aus besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen – wie Sie sehen, Fürst, denke ich bisweilen auch über ernste Dinge nach; ich selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen, was nun der Fürst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem ‚einzelnen Fall‘ gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr bedeutungsvoll, man hört es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es ganz natürlich fand, daß dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war, diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner persönlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest überzeugt gewesen, daß er das Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in unserer Zeit überhaupt sagen könnte. Nun, was aber meinen Sie, welches wäre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und Überzeugungen, die Möglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?“
Wieder lachten alle.
„Ein einzelner, selbstverständlich ein einzelner!“ sagten Alexandra und Adelaida lachend.
„Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch,“ wandte Fürst Sch. ein, „daß dieser Prozeßscherz schon mehr als alt ist ...“