„Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...“
Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.
Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter. Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich mit Vergnügen nur um des Rendezvous’ willen hier ein; doch gibt es auch andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt nicht abzugehen.
Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm. Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.
Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß Aglaja plötzlich darüber errötete.
Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte, wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken, sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das eine zu denken, – oh, sein ganzes Leben lang nur daran –, und auf tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre Photographie, und nicht auf sie selbst.
„Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?“ fragte sie ihn plötzlich, das Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. „Ich fürchte mich vor Ihnen; mir scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr, Jewgenij Pawlowitsch?“
Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:
„Idiot!“
„Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich ganz ihren Verstand verloren!“ murmelte knirschend vor Wut Lisaweta Prokofjewna.