„Bah, da ist er ja!“ zugleich blieb sie stehen. „Sonst kann man ihn vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ... bei deinem Onkel.“

Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.

„Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß es bereits – dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse, andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch mal erben würdest, – alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, bonne chance![27] Willst du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon früher; vielleicht schon gestern ...“

Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.

Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.

„Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf nicht los werden!“ rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.

Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst, einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren Rogoshinschen Rotte.

„Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,“ stellte sich dieser vor. „Wenn Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere, anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...“

Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und höhnisch-triumphierend zu rufen:

„Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!“