Lachen erscholl. Übrigens – die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt errötete über und über.

„Hippolyt,“ sagte der Fürst, „legen Sie die Blätter zusammen und geben Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen Sie?“

„Wie ist denn das möglich?“ fragte ihn Hippolyt mit strenger Verwunderung. „Meine Herren,“ rief er aus, sich wieder fieberhaft belebend, „das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...“

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch, wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...

Er las weiter: „Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das Recht Burdowskijs, ‚meines Nächsten‘, ein und träumte davon, wie alle mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend etwas um Verzeihung bitten würden, und wie – wir es gegenseitig tun würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In diesen Stunden kam ich dann zu dieser ‚letzten Überzeugung‘. Jetzt wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese ‚Überzeugung‘ überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff, desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es, als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen, ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, ihr Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn, als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte. Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden (übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen, der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren, aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: ‚Wir arbeiten wie Ochsen und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!‘ Das alte Klagelied! Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ... ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher – mit Stolz sage ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran, daß er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot, ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund, gesund ... dann würde ich zeigen.“

„Was zeigen?“

„O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben – bis zum Greisenalter! Möge man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr, ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und ich erinnere mich jetzt ihrer aller.