Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen. Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen. Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen – er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.

Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das mager und gebrannt war – er trug einen schwarzen Backenbart mit glattrasiertem Kinn –, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte sich eine eigentümliche Szene ab.

Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht geschieht, außer sich geraten können – in einem solchen Augenblick ist es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn – wie konnte jemand zu ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen; ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.

‚Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!‘ schrie er, zitternd vor Wut und kaum fähig, die Worte auszusprechen. Doch plötzlich bemerkte er seine Brieftasche in meinen Händen.

‚Ich glaube, Sie haben sie verloren,‘ sagte ich so ruhig und trocken wie möglich.

Er stand wie vor Schreck gelähmt da, als könne er nichts begreifen; darauf griff er nach seiner Seitentasche, riß den Mund weit auf und schlug sich vor die Stirn.

‚Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?‘

Ich erzählte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Möglichkeit sachlich und ruhig erklärend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm nachgelaufen und ihn angerufen ...

‚Oh, mein Gott!‘ rief er aus und wandte sich an seine Frau, ‚das sind alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh, geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie für mich getan haben? Ich wäre sonst verloren! ...‘

Ich griff nach der Türklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst außer Atem und es überfiel mich ein so starker Husten, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Ich sah, wie der Herr für mich nach einem Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den Fußboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhören. Als ich endlich zu mir kam, saß er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich aufmerksam.