‚Das sieht man doch auf den ersten Blick,‘ antwortete ich, unwillkürlich etwas spöttisch. ‚Es kommt so mancher aus der Provinz mit großen Hoffnungen hierher, müht sich hier ab und lebt so wie Sie.‘

Da fing er plötzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden Lippen erzählte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich muß gestehen – es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei ihm. Seine Geschichte war übrigens eine ganz gewöhnliche: er war Arzt in der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz, hitzköpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte zugunsten seiner Feinde, die sich über ihn beklagt hatten. Er verlor die Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich hier vor den Behörden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hören, dann wies man seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift – mit einem Wort, er bemühte sich schon den fünften Monat vergebens, hatte alles verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schließlich wurde auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den endgültigen abschlägigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift erhalten, und besaß nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau in den Wochen er ... er ...

Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor mir und sah mich mit neugierigen, ängstlichen Blicken an.

‚Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,‘ sagte ich zu ihm, ‚und alles übrige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum. Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...‘

‚Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!‘ rief mein Arzt fast zitternd aus. ‚Von ihm hängt ja fast alles ab!‘

Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an günstig ab, ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet gewesen wäre. Fürs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, daß sie auf mich keine Hoffnungen setzen möchten, daß ich selbst ein armer Gymnasiast sei (ich übertrieb absichtlich, ich hatte schon längst das Gymnasium beendet) und daß sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten, daß ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte, dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten Sproß seiner Familie sähe. Vielleicht würde mein Kamerad etwas für sie tun und für sie beim Onkel ...

‚Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten könnte! Wenn man mir doch die Ehre verschaffen würde, mein Gesuch mündlich aussprechen zu dürfen!‘ Er zitterte wie im Fieber und seine Augen glänzten.

Ich wiederholte noch einmal, daß ich der Sache durchaus nicht sicher sei und fügte noch hinzu, daß, wenn ich morgen früh nicht zu ihnen käme, die Sache gescheitert wäre und sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie begleiteten mich unter Danksagungen zur Tür hinaus. Sie waren einfach außer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu Bachmutoff.

Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium während mehrerer Jahre auf feindlichem Fuße. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen, wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet, hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein vorzüglicher Kamerad, immer außerordentlich lustig, zuweilen sogar witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in der Klasse als einer der Ersten galt, während ich niemals und in keinem Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der ihn nicht liebte. Er kam mir des öfteren in diesen Jahren entgegen, doch wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die Universität. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und umständlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und plötzlich lachte er laut auf.

‚Wie ist das möglich, daß Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?‘ rief er mit seiner liebenswürdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte und um derentwillen ich ihn so haßte. ‚Aber was ist denn mit Ihnen,‘ rief er plötzlich erschrocken, ‚sind Sie krank!‘