„Ja, aber sind Sie denn ...“ begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.

Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.

„Sprechen Sie es nur aus, Fürst,“ sagte er mit geradezu erhabener Ruhe, „sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles, was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen ist. Hat er Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?“

„Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt – wenn Sie Lebedeff meinen ...“

„Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit, und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich fragend an?“

„N–ein, ich ...“

„Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,“ fuhr der General langsam fort, „doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt – genau entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.“

„Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich, daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben. Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit, wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war, französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.“

„Nun sehen Sie,“ begutachtete der General herablassend diesen Fall. „Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert, denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis – bis es eben zu spät war. Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als Napoleon gerade vom Pferde stieg ...“

„Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind so furchtlos sein konnten ...“ versetzte der Fürst, gepeinigt von dem Gedanken, daß er sogleich erröten würde.