„Aber erlau–ben Sie, erlau–ben Sie,“ unterbrach ihn höchst beunruhigt Iwan Petrowitsch und blickte sich fast ängstlich im Kreise um, „Ihre Gedanken sind ja alle se–ehr lobenswert und patriotisch, aber im ganzen großen ist es doch recht übertrieben und ... es wäre wirklich besser, wir ließen dieses Thema fallen ...“
„Nein, es ist nicht übertrieben, eher ist es noch verkleinert, – ja –, gerade verkleinert ... ich bin unfähig, mich auszudrücken, doch ...“
„Er–lauben Sie!“
Der Fürst schwieg. Er saß in aufrechter Haltung im Sessel und sah unbeweglich mit flammendem Blick Iwan Petrowitsch an.
„Es will mir scheinen, daß Ihnen die Mitteilung über Ihren Wohltäter gar zu nahe gegangen ist,“ meinte freundlich und ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen, der alte „Würdenträger“. „Sie sind ... vielleicht durch Ihre Einsamkeit etwas zu idealistisch geworden. Wenn Sie mehr unter Menschen gelebt hätten, in der Gesellschaft, die Sie, wie ich hoffe, als bemerkenswerten jungen Mann mit Vergnügen aufnehmen wird, so werden Sie ganz von selbst Ihren Feuereifer dämpfen lernen, denn Sie werden einsehen, daß alles das viel einfacher ist ... und zudem kommen solche Ausnahmefälle, wie dieser, meiner Ansicht nach zum Teil von unserer Übersättigung und zum Teil von unserer ... Langeweile ...“
„Seht richtig, gerade daher!“ rief der Fürst. „Das haben Sie vorzüglich ausgedrückt! Gerade von der Langeweile, von unserer Langeweile, nicht von der Übersättigung, sondern im Gegenteil, vom lechzenden Durst ... oh, nein, nicht von der Übersättigung, darin haben Sie sich getäuscht! Und nicht nur dürstende Begierde ist es, sondern geradezu fieberhaftes, glühendes Verlangen! Und ... glauben Sie nicht, daß es in einem so geringen Maße der Fall sei, daß man darüber nur lachen könnte! Verzeihen Sie, aber man muß vorauszufühlen verstehen! Sobald wir Russen ans Ufer gelangt sind und auch wirklich den Glauben gewonnen haben, daß es das Ufer ist, dann freuen wir uns so darüber, daß wir sogleich bis zur letzten Grenze gehen. Woher kommt das? Da wundern Sie sich nun über Pawlischtscheff und schreiben seine Handlungsweise seinem Wahnsinn oder seiner Herzensgüte zu, das ist aber falsch! Nicht nur wir allein – ganz Europa wundert sich in solchen Fällen über unseren plötzlich so leidenschaftlichen Eifer: wenn von uns jemand zum Katholizismus übertritt, so wird er doch gleich nichts weniger als Jesuit, und noch dazu der allerschwärzeste von allen; wird er Atheist, so wird er sogleich verlangen, daß der Glaube an Gott, falls nötig, mit Gewalt ausgerottet werden solle! wie kommt das, woher dieser jähe Fanatismus? Wissen Sie es wirklich nicht? Das kommt daher, weil er dann ein Vaterland gefunden, das er hier in seiner Blindheit nicht zu erblicken vermocht hat, deshalb freut er sich so: er hat ein Ufer, er hat Land gefunden – und da wirft er sich denn hin und küßt es in Ekstase. Es ist doch nicht nur Ehrgeiz, nicht nur schlechtes Gefühl, das die russischen Atheisten und russischen Jesuiten hervorbringt, sondern es ist ihre Seelenpein, ist die Sehnsucht ihres Geistes, ihre Sehnsucht nach einer höheren Betätigung, nach einem festen Ufer, kurz, nach einer Heimat. An ihre eigene Heimat glauben sie nicht mehr, denn sie haben sie nie recht gekannt. Atheist zu werden, ist für einen Russen so leicht, leichter, als für jeden anderen in der ganzen Welt! Und die Russen werden auch nicht gewöhnliche Atheisten, nein, der Atheismus wird für sie einfach zu einem neuen Glauben, sie glauben an ihn, ohne dabei auch nur zu bemerken, daß sie an eine Null glauben. So groß ist unser Bedürfnis nach einem Glauben! ‚Wer keinen Erdboden unter sich hat, der hat auch keinen Gott.‘ Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern von einem Kaufmann, einem Altgläubigen, den ich auf der Reise kennen lernte – wir saßen in einem Coupé. Er drückte sich nicht buchstäblich so aus, er sagte: ‚Wer sich von seinem Heimatland lossagt, der sagt sich auch von seinem Gott los.‘ Bedenken Sie doch nur, daß bei uns gebildete Leute zur Sekte der Geißler[33] übergetreten sind ... Doch übrigens – ist denn das Geißlertum in dem Fall schlechter, als der Nihilismus, Jesuitismus, Atheismus? Vielleicht ist es sogar tiefer! Aber Sie sehen, wie groß die Sehnsucht gewesen sein muß, wenn sie zu so etwas führen konnte! ... zeigen Sie der sehnsüchtigen Schiffsmannschaft des Kolumbus das Land der ‚Neuen Welt‘, zeigen Sie dem Russen die russische ‚Welt‘, lassen Sie ihn dieses Gold finden, diesen Schatz, der vor ihm noch verborgen liegt in der Erde! Zeigen Sie ihm in der Zukunft die Erneuerung und Auferstehung der ganzen Menschheit vielleicht einzig durch den russischen Gedanken, den russischen Gott und Christus, und Sie werden sehen, welch ein mächtiger und treuer, weiser und frommer Riese vor der verwunderten Welt emporwachsen wird, vor den verwunderten und erschrockenen Völkern Europas, denn was sie von uns erwarten, ist doch nur das Schwert und die Gewalt, weil sie sich uns, da sie uns nach sich selbst beurteilen, gar nicht ohne Barbarei vorstellen können. Und das tun sie bis jetzt noch, und je länger, desto mehr! Und ...“
Doch hier geschah plötzlich etwas, das den Fürsten in der unerwartetsten Weise unterbrach.
Diese ganze wilde Rede, dieser ganze Schwall seltsamer, unruhiger Worte und wirrer, begeisterter Gedanken, die wie in ziellosem Durcheinander aus ihm hervordrängten, der eine den anderen gleichsam überspringend – alles das deutete auf etwas Gefährliches, auf einen besonderen Vorgang in dem anscheinend so tief und so plötzlich sich erregenden jungen Mann. Von den Anwesenden, die den Fürsten kannten, waren die meisten sehr beängstigt – einzelne aber auch beschämt – durch diesen seltsamen Ausbruch, der so wenig mit der sonst fast sogar schüchternen Zurückhaltung des Fürsten übereinstimmte, mit seinem erlesenen Taktgefühl in manchen Fällen, und einem feinen Instinkt für alles, was sich schickt. Man stand förmlich vor einem Rätsel. Die Mitteilung über Pawlischtscheff konnte das doch nicht verursacht haben? Die Damen betrachteten ihn fast als Wahnsinnigen und die Bjelokonskaja gestand später: „Noch eine Minute und ich hätte daran gedacht, mich in Sicherheit zu bringen“ Die alten Herren verloren in der ersten Verwunderung gleichfalls den Kopf. Der alte General schaute sehr unzufrieden und streng drein. Fürst N. saß vollkommen bewegungslos da. Der deutsche Dichter war sogar erbleicht, lächelte aber immer noch sein falsches Lächeln, während er dabei die anderen anblickte, um zu erraten, wie sie sich darüber äußern würden. Konnte doch der ganze „Skandal“ schon im nächsten Augenblick die einfachste Lösung finden. Iwan Fedorowitsch, dessen Versuche, den Fürsten zu unterbrechen, erfolglos geblieben waren, hatte bei sich schon beschlossen, energisch einzugreifen, nur war er sich über die Mittel noch nicht ganz klar. Vielleicht hätte er sich sogar dafür entschieden, den Fürsten unter dem Vorwande seiner unberechenbaren Krankheit freundschaftlich hinauszuführen, welches Verfahren Iwan Fedorowitsch im geheimen für sehr vernünftig hielt. Doch es sollte anders kommen.
Als der Fürst eingetreten war, hatte er sich absichtlich möglichst weit von der chinesischen Vase hingesetzt, da Aglaja ihm wirklich Angst eingeflößt hatte. Wie seltsam es auch klingen mag – es war Tatsache, daß Aglajas kurze Bemerkung eine unausrottbare Überzeugung in ihm hervorgerufen hatte, die ganz unmögliche Vorahnung, daß er an diesem Abend unfehlbar diese Vase zerschlagen würde, wie weit entfernt er sich auch von ihr aufhalten und wie vorsätzlich er auch ihr und dem Unglück aus dem Wege gehen wollte. Das war nun einmal so! Im Laufe des Abends kamen aber neue mächtige Eindrücke, die ihn ganz erfüllten, und da vergaß er seine Vorahnung. Als er dann den Namen Pawlischtscheff vernommen und der Hausherr ihn mit ein paar erklärenden Worten zu Iwan Petrowitsch geführt, hatte er sich, ohne sich etwas dabei zu denken, näher an den Tisch gesetzt – gerade in jenen Sessel, neben dem auf einem Postament die wundervolle Vase stand.
Bei den letzten Worten war er plötzlich aufgesprungen, hatte eine energische Handbewegung gemacht, und – ein allgemeiner Schrei ertönte! Die Vase geriet ins Schwanken, zunächst gewissermaßen selbst unentschlossen, auf welche Seite sie fallen sollte –: dem alten Würdenträger auf den Kopf, oder auf die Seite des deutschen Dichterlings, der entsetzt zurücksprang –, um dann, noch eh’ man sich’s gedacht, zu Boden zu schlagen. Das Geklirr, der Schrei, der sich allen entrang, die kostbaren Scherben, die über den Teppich flogen, der Schreck, die Verwunderung – was mit dem Fürsten geschah, ist schwer, sich vorzustellen. Doch dürfen wir hier nicht verschweigen, daß nicht der Schreck, die Peinlichkeit der Situation, der laute gemeinsame Aufschrei den größten Eindruck auf ihn machten, sondern die in Erfüllung gegangene Vorahnung. Was es gerade war, das ihn bei diesem Gedanken so erschütterte, vermochte er sich selbst nicht zu erklären. Er fühlte nur, daß es ihn gleichsam ins Herz getroffen hatte – und er stand regungslos in einem fast mystischen Schreck da. Einen Augenblick war es ihm, als öffne sich alles vor ihm, an Stelle des Entsetzens trat Licht, Freude, Begeisterung, und dann war es ihm, als griffe eine Hand nach seiner Kehle, um sie langsam zusammenzudrücken und ... doch der Augenblick ging vorüber. Gott sei Dank, es war nicht das! Er atmete auf und blickte sich im Kreise um.