„Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.“

„Ich verstehe aber nicht zu schauen ...“

„Von was für Rätseln redet ihr? – das soll ein Mensch verstehen! Kein Wort begreife ich!“ unterbrach sie die Generalin. „Weshalb verstehst du denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach’ sie auf und sieh. Verstehst du es hier nicht, so wirst du’s auch dort im Auslande nicht lernen. Erzählen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben, Fürst.“

„Ja, das wird besser sein,“ meinte auch Adelaida. „Sie haben ja doch im Auslande das Schauen gelernt.“

„Ich weiß nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das weiß ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glücklich.“

„Glücklich! Sie verstehen es, glücklich zu sein?“ rief Aglaja aus. „Wie können Sie dann sagen, daß Sie nicht zu schauen gelernt hätten! Sie werden auch uns noch das Schauen lehren.“

„Ach, bitte, lehren Sie’s uns!“ bat Adelaida lachend.

„Ich kann nichts lehren,“ gab auch der Fürst lachend zurück. „Fast die ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, daß ich mich nicht langweilte, dann aber – meine Gesundheit besserte sich schnell – dann wurde mir jeder Tag teuer, und je länger ich da war, desto teurer, so daß es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glücklich. Weshalb aber das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklären.“

„So daß Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr fortgerufen fühlten?“ fragte Alexandra.

„Anfangs, ja, ganz zu Anfang – da rief es mich fort und mich überkam dann eine große Unruhe. Ich dachte immerwährend daran, wie ich einst leben würde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen Augenblicken wurde die Unruhe fast unerträglich. Wissen Sie, es gibt solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen Wasserfall, keinen sehr großen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein schmales, dünnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, – weiß, rauschend, mit spritzendem, zerstäubendem Gischt. Er stürzte von hoch oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur fünfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen irgendwohin in die Berge ging – da blieb man plötzlich stehen: ringsum nichts als Fichten, alte, große, harzige Stämme; über einem auf dem Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau, unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, daß man irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und Erde vereinen – daß dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und geräuschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine große Stadt, wie etwa Neapel, in der nur Paläste sind und Geräusch, und Lärm, und Leben ... Doch wer kann das alles erzählen, was man so zusammengedacht hat! Und dann schien mir wiederum, daß man auch im Gefängnis ein unermeßlich großes Leben finden kann.“