„Das hätte ich nicht von dir erwartet,“ sagte sie verletzt, „als Freier ist er unmöglich, das weiß ich, und ich danke Gott, daß alles so gekommen ist; aber dir hätte ich doch nie solche Worte zugetraut. Ich glaubte, daß von dir etwas ganz anderes zu erwarten sei. Ich hätte alle jene anderen fortgejagt und nur ihn allein zurückbehalten, sieh, solch ein Mensch ist er! ...“

Sie verstummte plötzlich, erschrocken über ihre eigenen Worte.

Wenn sie gewußt hätte, wie sehr sie ihrer Tochter in diesem Augenblick unrecht tat!

Aglaja hatte ihren Entschluß bereits gefaßt und wartete nur noch ihre Stunde ab, die alles entscheiden mußte. Jede Anspielung aber, jede Berührung der tiefen Wunde zerrissen ihr das Herz.

VIII.

Auch der Fürst verbrachte diesen Morgen in düsterer Stimmung: schwere Vorahnungen lasteten auf ihm. Am meisten quälte ihn, daß seine Trauer – er wußte eigentlich selbst nicht, wie er diese Empfindung nennen sollte – in ihrer Art so unbestimmt war. Vor ihm standen die Tatsachen grell, schwer und unverrückbar, doch seine Trauer ging über alles hinaus, was er dachte oder sich vorstellte, und er fühlte, daß er sich allein nicht würde beruhigen können. Da erhob sich in ihm allmählich eine Erwartung, die immer größer und schließlich zu der Überzeugung wurde, daß heute noch etwas Besonderes und Entscheidendes mit ihm geschehen würde. Der Anfall, den er am Abend vorher gehabt hatte, war ein leichter gewesen: abgesehen von der traurigen, müden Stimmung, einer gewissen Schwere im Kopf und in den Gliedern, fühlte er sich weiter nicht krank. Seine Gedanken waren verhältnismäßig klar und bewußt. Als er am Morgen aufgewacht, war es schon ziemlich spät gewesen, und er hatte sich sogleich des Abends bei Jepantschins erinnert. Der Einzelheiten freilich entsann er sich nicht so genau, aber er wußte doch, daß er etwa eine halbe Stunde nach seinem Anfall nach Hause geschafft worden war. Er erfuhr alsbald, daß Jepantschins sich schon am Morgen nach seinem Befinden hatten erkundigen lassen, und um halb zwölf erschien der Diener zum zweitenmal. Diese Teilnahme erweckte in ihm ein angenehmes Gefühl. Wjera Lebedewa war der erste Mensch, den er an diesem Morgen zu Gesicht bekam. Als sie eintrat und ihn erblickte, brach sie plötzlich in Tränen aus, doch als der Fürst sie dann beruhigte, lachte sie bald wieder. Das große Mitleid dieses jungen Mädchens machte einen fast erschütternden Eindruck auf ihn, und plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie. Wjera erschrak und wurde rot.

„Ach, nicht doch, was tun Sie!“ rief sie schnell und verlegen und zog rasch die Hand fort.

Sie verließ ihn in seltsamer Verwirrung.

Um zwölf Uhr erschien Lebedeff, der sich bereits in aller Frühe eilig zum „Seligen“ – so nannte er den General, obgleich dieser immer noch lebte – begeben hatte, um zu erfahren, ob er nicht seinen Geist schon im Laufe der Nacht aufgegeben, was jedoch noch nicht geschehen war. Beim Fürsten trat er „nur auf einen Moment“ ein, „einzig um sich nach seiner werten Gesundheit zu erkundigen“ usw., und begab sich dann wieder in sein Schlafgemach, um nochmals sein „Schränkchen“ zu inspizieren – nur zu diesem Zweck war er nach Hause gekommen. Beim Fürsten hatte er bloß Ach und Weh gejammert und ein paar Versuche gemacht, Näheres über den Abend bei Jepantschins und den „Anfall“ zu erfahren, obschon er, wie der Fürst sogleich erriet, von allem bereits ganz genau unterrichtet war. Kaum war Lebedeff gegangen, da erschien Koljä, gleichfalls „nur auf einen Augenblick“: dieser aber hatte es in der Tat sehr eilig und war äußerst aufgeregt. Er begann sogleich damit, daß er den Fürsten inständig bat, ihm doch alles zu sagen, was man vor ihm verheimlichte, das meiste habe er ja doch schon erraten. Der Fürst erzählte ihm denn auch möglichst schonend, wie Lebedeff sein Geld plötzlich vermißt und dann wieder gefunden hatte, doch der arme Knabe war trotzdem tief erschüttert. Er vermochte kein Wort hervorzubringen und plötzlich rannen ihm helle Tränen über die Wangen. Der Fürst fühlte, daß diese Mitteilung für den Knaben einer jener Eindrücke war, die ewig unvergeßlich bleiben und im Leben des Jünglings einen Bruch bedeuten, von dem ab er mit anderen Augen in die Welt zu schauen beginnt. Daher beeilte sich der Fürst, ihm seine persönliche Auffassung der Angelegenheit zu erklären, und er fügte noch hinzu, daß der Schlaganfall des alten Mannes seiner Meinung nach nur eine Folge des eigenen Entsetzens über diesen Fehltritt sei, der wohl nicht einem jeden so nahe gegangen wäre. Koljäs Augen blitzten auf, als der Fürst zu Ende gesprochen hatte.

„Dieser Schuft Ganjka, und Warjä und Ptizyn gleichfalls! Ich will mich mit ihnen nicht weiter herumstreiten, aber von Stund an sind unsere Wege getrennt! Ach, Fürst, wenn Sie wüßten, wieviel Neues ich seit gestern empfunden habe! Das war meine Lehre! Ich muß jetzt für meine Mutter sorgen. Sie ist ja wohl bei Warjä gut aufgehoben, aber das ist doch nicht das ...“