„Na, wenn nicht das, dann braucht sie nur die paar Stufen in den Park hinabzusteigen, um geradeaus zu gehen, und später, wenn sie will, überhaupt nicht mehr zurückzukehren. Es gibt Fälle, in denen man sogar Schiffe hinter sich verbrennen und nicht nur nicht nach Hause zurückkehren kann. Das Leben besteht auch nicht nur aus Dejeuners, Diners und Fürsten Sch. ... Ich glaube, Sie halten Aglaja Iwanowna immer noch für ein Pensionsdämlein. Das habe ich ihr heut’ auch auf der Bank gesagt, und sie schien mir recht zu geben. Aber warten Sie: um sieben oder so um acht herum ... Ich würde an Ihrer Stelle einen Spion dorthin schicken, um genau zu erfahren, wann sie die Villa verläßt. Na, schicken Sie meinetwegen den Koljä; der wird sogar mit Vergnügen spionieren, für Sie, das heißt ... denn alles das ist doch nur relativ ... Ha–ha!“
Hippolyt verließ das Zimmer. Der Fürst hatte es nicht nötig, jemanden zum Spionieren hinzuschicken, ganz abgesehen davon, daß er dazu überhaupt nicht fähig gewesen wäre. Er wußte jetzt, was Aglajas „Befehl“ zu bedeuten hatte: sie wollte zu ihm kommen, um dann mit ihm zusammen zu jener zu gehen. Freilich ... es ließ sich auch eine andere Erklärung finden: vielleicht wollte sie, daß er zu Hause bliebe, um ihm nicht auf ihrem Wege dorthin zu begegnen oder ihn gar dort anzutreffen. Dem Fürsten schwindelte bei diesem Gedanken. Das ganze Zimmer schien sich im Kreise zu drehen. Er legte sich auf den Diwan und schloß erschöpft die Augen, dachte jedoch weiter nach.
Wie es sich nun auch verhalten mochte, über eines war er sich vollkommen klar: daß eine Entscheidung bevorstand. Nein, er hielt Aglaja nicht für ein Pensionsdämlein; er fühlte jetzt, daß er schon lange etwas von ihr gefürchtet hatte, und zwar gerade etwas Ähnliches. „Aber wozu will sie sie denn sehen, was will sie mit ihr reden?“ sagte er sich, und ein Frostschauer lief ihm über den ganzen Körper. Er fieberte.
Nein, er hielt sie gewiß nicht für ein Kind! In der letzten Zeit hatten ihn einzelne ihrer Blicke und Worte oft geradezu entsetzt. Bisweilen hatte es ihm geschienen, als bezwinge sie sich aus aller Kraft, vielleicht sogar über ihre Kraft, und gerade das war es – dessen entsann er sich genau –, was ihn am meisten entsetzt hatte. In all diesen Tagen hatte er sich bemüht, nicht daran zu denken und die schweren Gedanken zu verscheuchen, doch quälte ihn trotzdem unausgesetzt die Frage, was in dieser Mädchenseele vorging, obschon er unerschütterlich an den Sieg des Guten in ihr glaubte. Und nun sollten alle diese Probleme noch vor dem Abend ihre Lösung finden!! Der Gedanke war nicht zu ertragen! Und dann wieder – „jene andere“! Weshalb hatte es ihm immer geschienen, daß diese „andere“ gerade im letzten Augenblick kommen und sein ganzes Leben wie einen feingesponnenen Faden zerreißen würde? – Daß es ihm aber „immer schon so geschienen“, darauf hätte er jetzt jeden Schwur geleistet, ungeachtet dessen, daß er sich seines halb unzurechnungsfähigen Zustandes bewußt war. Wenn er sich in der letzten Zeit bemüht hatte, sie zu vergessen, so hatte er es doch nur getan, weil er sie fürchtete. Er fragte sich jetzt nicht mehr wie früher, ob er sie liebte oder haßte, denn er wußte jetzt, wen er liebte ... Doch nicht die Zusammenkunft dieser beiden Frauen, nicht die Beweggründe dieser Zusammenkunft, nicht die bevorstehende Entscheidung flößten ihm diese unerklärliche Furcht ein, nein, sondern – Nastassja Filippowna. Er entsann sich später, nach einigen Tagen, daß er in diesen Fieberstunden fast die ganze Zeit ihre Augen vor sich gesehen, und ihren Blick, daß er ihre Stimme gehört und Worte vernommen, von denen er sich jedoch keines einzigen mehr zu entsinnen vermochte. Kaum war ihm erinnerlich, wie Wjera ihm um sechs das Essen gebracht und wie er gegessen, und ebensowenig wußte er, ob er nachher geschlafen oder nicht geschlafen hatte. Er wußte nur, daß er erst von dem Augenblick an wieder klar und bewußt zu sehen und zu denken begonnen, als plötzlich Aglaja auf der Terrasse erschienen, und er vom Diwan aufgesprungen und ihr bis zur Mitte des Raumes entgegengetreten war. Die Uhr hatte kurz vorher sieben geschlagen. Aglaja war ganz allein gekommen. Sie trug ein schlichtes Kleid und hatte sich, wohl in der Eile, um schnell und unauffällig aus dem Hause zu kommen, nur einen leichten Umwurf über die Schultern geworfen. Ihr Gesicht war ebenso bleich wie am Vormittag, doch ihre Augen hatten einen seltsam hellen, trockenen Glanz, den er noch nie an ihnen gesehen hatte. Sie musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.
„Sie sind zum Ausgehen bereit,“ bemerkte sie leise und scheinbar ganz ruhig, „und haben sogar schon den Hut in der Hand; man hat Sie also vorbereitet und ich weiß, wer es getan hat: Hippolyt.“
„Ja, er hat mir gesagt ...“ stammelte der Fürst, fast halb tot vor Aufregung.
„Dann lassen Sie uns gehen. Sie wissen, daß Sie mich auf jeden Fall begleiten müssen. Sie sind doch soweit bei Kräften, denke ich, daß Sie gehen können?“
„Ich bin bei Kräften, aber ... ist es denn möglich!?“
Er verstummte plötzlich und sagte dann nichts mehr. Und das war sein einziger Versuch, sie von diesem wahnsinnigen Schritt abzuhalten. Darauf folgte er ihr, unfrei, wie ein Gefangener. Er wußte, daß sie auch ohne ihn dorthin gehen würde, und daß er folglich gezwungen war, ihr zu folgen. Und er erriet, wie fest ihr Entschluß war – er aber war nicht der Mann, der diesen wilden Ausbruch hätte aufhalten können. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, fast kein Wort wurde während der ganzen Zeit gewechselt. Dem Fürsten fiel es auf, daß sie den Weg ganz genau zu kennen schien. Als er ihr den Vorschlag machte, einen etwas längeren, doch dafür stilleren Seitenweg zu wählen, zog sie die Brauen zusammen und schien ihn mit angestrengter Aufmerksamkeit anzuhören, sagte jedoch schroff:
„Gleichviel!“ und ging unbekümmert weiter.