„Sie wollen meine Lage ... daß ich hier in Ihrem Hause bin ... ausnutzen ...“ fuhr Aglaja ungeschickt und lächerlich fort.
„An dieser Lage sind Sie schuld, nicht ich!“ sagte Nastassja Filippowna, der plötzlich das Blut ins Gesicht stieg. „Nicht ich habe Sie dazu aufgefordert, sondern Sie mich, und ich weiß bis jetzt noch nicht, weshalb.“
Aglaja erhob hochmütig den Kopf.
„Nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht! Ich bin nicht gekommen, um mit dieser Ihrer Waffe zu kämpfen ...“
„Ah! Dann sind Sie also doch gekommen, um zu ‚kämpfen‘? Denken Sie nur, ich dachte, Sie wären ... scharfsinniger ...“
Beide sahen sich an, ohne ihren Haß zu verbergen. Die eine von ihnen hatte noch vor kurzem glühende Briefe an die andere geschrieben: doch nun hatte es nur der ersten Begegnung, der ersten Worte bedurft, um alles Geschriebene vergessen zu lassen ... Und seltsam: in diesem Augenblick wunderte das keinen einzigen der vier Anwesenden. Der Fürst, der noch gestern etwas Ähnliches nicht einmal im Traume für möglich gehalten hätte, stand jetzt, sah und hörte, als hätte er das alles schon lange, lange so kommen gefühlt, und er fand es ganz natürlich, daß dieses phantastische Hirngespinst plötzlich grelle, scharf umrissene Wirklichkeit war. Die eine von diesen Frauen verachtete die andere so tief und hatte ein so leidenschaftliches Verlangen, dieser anderen ihre ganze Verachtung auch rückhaltlos zu zeigen (vielleicht war sie sogar nur deshalb gekommen, wie sich am nächsten Tage Rogoshin ausdrückte), daß kein einziger vorgefaßter Entschluß jener anderen – wie fanatisch sie auch in ihren phantastischen Ideen schon allein infolge ihrer kranken Seele und ihres vor Schmerz überspannten Geistes sein mochte – dieser gleichsam vergifteten, rein weiblichen Verachtung ihrer Gegnerin hätte widerstehen können, wie man meinen sollte. Der Fürst war überzeugt, daß Nastassja Filippowna nicht selbst von den Briefen zu sprechen beginnen würde; er hätte aber sein halbes Leben hingegeben, damit auch Aglaja es nicht täte.
Doch plötzlich nahm sich Aglaja zusammen und im Augenblick hatte sie sich wieder in der Gewalt.
„Sie haben mich mißverstanden,“ sagte sie, „ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen ... zu streiten, obwohl ich Sie nicht liebe. Ich ... ich bin gekommen, um menschlich mit Ihnen zu reden. Als ich Sie aufforderte, hatte ich bereits bei mir beschlossen, was ich Sie fragen würde, und meinen Entschluß gebe ich nicht auf, wenn Sie mich auch überhaupt nicht verstehen sollten. Das würde nur Ihnen, nicht mir schaden. Ich wollte Ihnen meine Antwort geben – auf Ihre Briefe, und zwar mündlich, weil mir das leichter erschien. So hören Sie denn: Fürst Lew Nikolajewitsch tat mir unsäglich leid schon an jenem Tage, an dem ich ihn zum erstenmal sah und kennen lernte, und noch mehr, als ich dann später alles erfuhr, was sich an jenem Abend bei Ihnen zugetragen hatte. Er tat mir deshalb leid, weil er ein so treuherziger Mensch ist und in seiner Treuherzigkeit glaubte, er könne glücklich werden mit ... einer Frau ... von Ihrem Charakter. Was ich für ihn fürchtete, geschah: Sie – Sie konnten ihn nicht wirklich lieben ... Sie haben ihn nur gequält und dann verlassen. Und lieben konnten Sie ihn deshalb nicht, weil Sie dazu zu stolz sind ... nein, nicht zu stolz, ich habe mich da falsch ausgedrückt –, sondern weil Sie zu ehrgeizig sind ... oder nein, auch nicht einmal das: Sie sind einfach selbstsüchtig bis ... bis zum Wahnsinn, was Ihre Briefe an mich deutlich beweisen. Sie konnten ihn, diesen offenherzigen Menschen, überhaupt nicht liebgewinnen, und vielleicht haben Sie ihn im geheimen sogar verachtet und sich über ihn lustig gemacht, denn Sie haben nur eines liebgewinnen können, und das ist Ihre Schande und der immerwährende Gedanke daran, daß Sie beschimpft sind und daß man Sie beleidigt hat. Wäre Ihre Schande geringer oder wäre sie überhaupt nicht vorhanden, so würden Sie sich unglücklicher fühlen ...“ Aglaja sprach mit unendlicher Genugtuung diese längst zurechtgedachten, ja fast kann man sagen – berechneten Worte aus, die sie sich vielleicht schon ausgedacht hatte, als ihr noch nicht einmal die Möglichkeit einer solchen Aussprache zwischen ihr und der anderen in den Sinn gekommen war; und mit gehässigem Blick verfolgte sie die Wirkung ihrer Worte auf dem schmerzverzerrten Gesicht Nastassja Filippownas. „Sie wissen,“ fuhr sie fort, „daß er vor drei Monaten einen Brief an mich geschrieben hat. Er sagte, daß Sie von diesem Brief wissen und ihn sogar gelesen haben. Aus diesem Brief glaubte ich alles zu erraten, und daß ich mich nicht täuschte, hat er mir später selbst bestätigt, indem er mir fast Wort für Wort alles das sagte, was ich Ihnen soeben gesagt habe. Nach dem Empfang dieses Briefes begann ich zu warten. Ich erriet, daß Sie unfehlbar hierher kommen würden, denn Sie können doch nicht ohne Petersburg auskommen: Sie sind noch viel zu jung und zu schön für die Provinz ... Übrigens sind das nicht meine Worte,“ fügte sie plötzlich errötend hinzu und von dem Augenblick an verließ die Röte nicht mehr ihr Gesicht. „Als ich dann den Fürsten wiedersah, tat mir die ihm widerfahrene Kränkung weh, und ich fühlte mich für ihn beleidigt. Lachen Sie nicht. Wenn Sie lachen, sind Sie nicht wert, das zu verstehen ...“
„Sie sehen, daß ich nicht lache,“ sagte Nastassja Filippowna traurig und mit ernstem Gesicht.
„Übrigens, wie Sie wollen, mir ist es gleichgültig. Als ich ihn dann selbst fragte, erzählte er mir, daß er Sie bereits längst nicht mehr liebe, daß sogar die Erinnerung an Sie ihm nichts als eine Qual sei, doch täten Sie ihm leid, und wenn er an Sie denke, dann sei es ihm, als wäre sein Herz auf ewig durchbohrt. Ich muß Ihnen noch sagen, daß ich in meinem Leben keinen Menschen angetroffen habe, der ihm an Edelmut, Treuherzigkeit und Vertrauen zu anderen Menschen gleichkäme. Ich begriff nach seinen Worten, daß ein jeder, der es nur will, ihn betrügen kann, er aber einem jeden, der ihn betrügt, gleichviel wer er sei, alles verzeihen wird, und gerade deshalb gewann ich ihn lieb ...“