Rogoshin hatte aufgehört zu lächeln; er stand mit über der Brust verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen und hörte nur zu.

„Da, sehen Sie sie,“ begann Nastassja Filippowna plötzlich, zitternd vor Empörung, „sehen Sie dieses kleine Fräulein! Ich habe sie für einen Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich ganz offen, ohne Beschönigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind? Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.“

„Angst? Vor Ihnen?“ rief Aglaja außer sich vor naiver, empörter Verwunderung darüber, daß jene so zu ihr zu sprechen wagte.

„Natürlich vor mir! Gefürchtet haben Sie mich, wenn Sie sich entschließen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber fürchtet, den verachtet man nicht. Wenn ich denke, daß ich Sie geachtet habe, sogar bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich fürchten und was für Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten sich persönlich überzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht, denn Sie sind entsetzlich eifersüchtig ...“

„Er hat mir schon gesagt; daß er Sie haßt ...“ brachte Aglaja kaum hörbar hervor.

„Das kann gewiß so sein; es ist möglich, daß ich seiner nicht wert bin, nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch höher von Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch für klüger und sogar für edler, bei Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So nehmen Sie ihn denn für sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie unverzüglich hinaus! Im Augenblick! ...“

Sie fiel in ihren Sessel zurück und brach in Tränen aus. Doch plötzlich blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.

„Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be–feh–len, hörst du? ihm nur be–feh–len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben, ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst du, willst du?“ schrie sie plötzlich laut wie eine Wahnsinnige, vielleicht ohne es selbst zu glauben, daß sie solche Worte hatte aussprechen können.

Aglaja war im ersten Schreck zur Tür gestürzt, doch plötzlich blieb sie wie gebannt stehen und hörte weiter zu:

„Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich hätte mich mit Rogoshin nur zu deinem Vergnügen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm sofort in deiner Gegenwart befehlen: ‚Geh’ fort, Rogoshin!‘ und dem Fürsten sage ich: ‚Weißt du noch, was du mir versprochen hast?‘ Gott! Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Fürst, der mir beteuerte, daß du mir überall hin folgen würdest, was auch mit mir geschehen sollte, und daß du mich niemals verlassen würdest; daß du mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine Dirne behandelt? Frag’ Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm reichen, um sie von hier fortzuführen? So sei denn verflucht dafür, daß ich an dich allein geglaubt habe. Geh’ fort, Rogoshin, ich brauche dich nicht!“ schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und trockenen Lippen, während sie jedes Wort nur mit Mühe aus der keuchenden Brust hervorstieß, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu verlängern und sich selbst zu betrügen. Dieser Ausbruch ihrer Leidenschaft war so stark, daß der Fürst bereits fürchtete, sie könnte auf der Stelle sterben. „Da ist er, sieh!“ schrie sie endlich Aglaja zu, mit der Hand auf den Fürsten weisend. „Wenn er jetzt nicht sofort zu mir kommt, nicht mich nimmt und dich verläßt, dann nimm ihn nur, ich trete ihn dir ab, ich brauch’ ihn nicht ...“