„Das ist un–möglich!“ sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob sich von seinem Platz.

„Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!“

„Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann nicht!“

Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem Verstande.

„Und was hat dieses Gesicht zu bedeuten, das er so fürchtet und gleichzeitig so liebt?“ fragte er sich verwundert. „Und dabei wird er vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch werden wird?“

X.

Indessen starb der Fürst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Träume hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken versunken, doch geschah das gewöhnlich nur dann, wenn er allein in seinem Zimmer saß. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber mußten wohl selbst die besten Freunde des Fürsten, falls es solche überhaupt noch gab, ihre Bemühungen, den unglücklichen Sonderling zu „retten“, aufgeben. Es ging das Gerücht, daß Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch beim Fürsten veranlaßt worden war. Aber selbst wenn diese beiden in ihrer großen Herzensgüte den „armen Jungen“ von jenem Abgrunde hätten zurückhalten wollen, in den er sich hinabzustürzen im Begriff war, so mußten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begnügen: die Rücksicht auf ihre Stellung würde ihnen schwerlich ernstliche Bemühungen erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Kränkung ganz hätte vergessen können, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits erwähnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Fürsten abgewandt, wenn auch nicht so sehr aus Ärger, als aus Kummer über ihn, was sich freilich nur darin ausdrückte, daß sie, wenn sie allein war, still über ihn weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Koljä verlor in dieser Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall, acht Tage nach dem ersten. Der Fürst nahm großen Anteil an dem Leide, das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begräbnis wie der Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, daß das Publikum in der Kirche beim Eintritt des Fürsten unwillig flüsterte, und ebenso, als er die Kirche verließ. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Straße, im Park, und wo er sich nur zeigte: wenn er vorüberging oder -fuhr, steckte man sofort die Köpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas. In der Kirche suchte man sie übrigens in seiner Nähe, doch war sie nicht erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus, der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig zurückdrängen und ihr einen „anderen Standpunkt“ klarmachen können. Die Totenmesse machte auf den Fürsten einen ergreifenden, aber krankhaften Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflüsterte Frage antwortete er ebenso leise, daß er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.

„Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, daß das da im Sarge derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben – wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage?“ flüsterte Lebedeff dem Fürsten weiter zu. „Doch – wen suchen Sie?“

„N–ein, nichts, es schien mir nur so ...“

„Rogoshin vielleicht?“