„Kugeln?“ fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.
„Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter umschlägt, fühle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Café ein Spielchen, wie ein vom Geschäft zurückgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im Eisenbahncoupé passierten Geschichte mit dem Bologneserhündchen ein für allemal die Freundschaft gebrochen.“
„Einem Bologneserhündchen? Was war denn das für eine Geschichte?“ fragte Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. „Mit einem Bologneserhündchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoupé ...“ sie schien in ihrem Gedächtnisse irgend etwas zu suchen.
„Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Fürstin Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch ... es lohnt sich nicht, sie zu erzählen.“
„Aber unbedingt müssen Sie sie uns erzählen!“ bestand Nastassja Filippowna fröhlich auf ihrem Wunsch. „Auch ich habe sie noch nie vernommen!“ bemerkte Ferdyschtschenko. „C’est du nouveau!“[7]
„Ardalion Alexandrowitsch!“ ertönte wieder beschwörend Nina Alexandrownas Stimme.
„Papa, jemand will Sie sprechen!“ rief Koljä.
„Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte,“ begann der General mit großer Selbstzufriedenheit. „Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren – auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg–Warschau mußte ich in einer für mich äußerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem Dienst in Zusammenhang stand – ich trug bereits Zivil – eine Reise unternehmen. Ich löse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir die Zigarre schon früher angesteckt. Bin ganz allein im Coupé. Das Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet, sondern so–o ... halb und halb, wie gewöhnlich, und natürlich – je nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Plötzlich, kurz vor dem letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und setzen sich mir vis-à-vis. Hatten sich etwas verspätet. Die eine pompös gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade häßliche Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr ‚von oben herab‘ zu sein, sprechen englisch. Ich natürlich verhalte mich ganz ruhig; rauche meine Zigarre. Das heißt, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei mir, aber schließlich – das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem Schoß der Hellblauen so ’n kleines Tierchen, nicht größer als meine Faust, pechschwarz, weiße Pfötchen – eine Seltenheit zweifellos. Das Halsbändchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich – merke nichts. Bemerke nur, daß die Damen sich über mich zu ärgern scheinen, natürlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs Lorgnon – aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch – merke nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund auftun! Hätten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so – wie soll ich’s denn wissen? ... Plötzlich – und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wäre sie übergeschnappt – reißt mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hält man nicht auf. Ich mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, groß, üppig, blond, rosig – vielleicht etwas zu rosig – und die Augen blitzen mich nur so an. Ich – ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der größten Höflichkeit, mit der feinsten Höflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus, fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und – wups! werfe ihn gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte nur einmal, zum Kläffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch gewesen! Den Zug hält man nicht auf, der geht.“
„Sie Ungeheuer!“ rief Nastassja Filippowna köstlich amüsiert aus, klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mädchen über den gelungenen Streich.
„Bravo, bravo!“ rief Ferdyschtschenko.