Natürlich war es danach nicht möglich, noch länger in Petersburg zu bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgültig Fiasko machte. Er hatte es schließlich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen über ihn noch lauter geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rühren zu können, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem Märtyrertum als „Verbannter“. So gab er denn die Wertlosigkeit und Lächerlichkeit des Wortes „Vaterland“ ohne weiteres zu, erklärte sich auch mit dem Gedanken, daß die Religion schädlich sei, einverstanden, doch dafür verkündete er laut und mit Entschlossenheit, daß Stiefel etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so daß er auf der Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbühne hinabzusteigen, in Tränen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot nach Hause. „On m’a traité comme un vieux bonnet de coton!“[1] soll er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und tröstete ihn unentwegt bis zum Morgen mit den Versicherungen: „Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort.“
Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits früh morgens fünf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr mit, sie hätten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift geprüft und in der Sache einen Beschluß gefaßt. Warwara Petrowna hatte entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prüfen und über ihre Zeitschrift etwas zu beschließen. Der Beschluß bestand darin, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegründet, diese unverzüglich mitsamt dem Kapital ihnen zu übergeben habe, mit den Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach Skworeschniki zurückkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen „veraltet“ sei. Aus Zartgefühl erklärten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr alljährlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rührendste war dabei, daß von diesen fünf Menschen vier ganz gewiß nicht die geringste eigennützige Absicht hatten und nur um der „allgemeinen Sache“ willen diese Mühe auf sich nahmen.
„Wir waren wie betäubt, als wir abfuhren,“ erzählte Stepan Trophimowitsch, „ich konnte noch überhaupt nichts fassen, und ich erinnere mich, zum Rattern der Räder murmelte ich immer nur vor mich hin: ‚Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck–beck–beck ... Wjek, Wjek, Wjek ...‘[15] und der Teufel weiß was noch alles, bis wir in Moskau eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir – als hätte ich dort tatsächlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde!“ rief er vor uns manchmal ergriffen aus, „Sie können sich ja gar nicht vorstellen, welch eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfüllen, wenn die große Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden aufgegriffen und zu ebensolchen Dummköpfen, wie jene selbst sind, auf die Straße hinausgeschleppt wird, und plötzlich begegnet man ihr schon auf dem Trödelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz, unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwärtige wieder auf den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ...“
VII.
Gleich nach ihrer Rückkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna ihren Freund ins Ausland: „zur Erholung“; aber es tat auch not, daß sie sich für einige Zeit voneinander trennten, das fühlte sie. Stepan Trophimowitsch fuhr mit Entzücken ab. „Dort werde ich auferstehen!“ rief er aus, „dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden!“ Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied: „Mein Herz ist zerrissen,“ schrieb er an Warwara Petrowna, „ich kann nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen. Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel, deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn? Und schließlich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein früheres Ich, das stählern an Kraft und wie ein Fels unerschütterlich war, während jetzt irgendein Andrejeff, c’est à dire un rechtgläubiger Narr mit einem Bart, peut briser mon existence en deux“[2] usw. usw. Was diesen Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, daß er ihn in seinem ganzen Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann sich zum Eintritt in die Universität vorbereitete. Erzogen worden war der Knabe, wie bereits erwähnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700 Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den erwähnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein großer Sonderling, archäologischer Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertümer, der manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu überbieten suchte, doch vor allem über Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefaßter großer Brille schuldete Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel für einige Dessjätinen Wald, die er auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet, wahrscheinlich für seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Tränen ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden. Übrigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch gerade dringend benötigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung, unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf „Wo seid ihr jetzt beide?“ versah den Brief mit dem Datum und verschloß ihn in die Schatulle. Er hatte natürlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: „Ich arbeite täglich zwölf Stunden,“ („wenn er doch wenigstens elf geschrieben hätte,“ murmelte Warwara Petrowna), „stöbere in den Bibliotheken umher, vergleiche, mache Auszüge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren. Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert. Wie entzückend Nadjéshda Nikolájewna selbst jetzt noch ist! Sie läßt Sie grüßen. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen; unsere Nächte sind nahezu attisch, jedoch natürlich nur was Feinheit und Geschmack anlangt; alles Höhere; viel Musik, spanische Motive, Pläne einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schönheit, sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrüchen der Finsternis, aber auch die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund! Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein ginge ich überall hin, en tout pays, und wäre es selbst dans le pays de Makar et de ses veaux,[3] von welchem Lande wir in Petersburg vor unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen haben. Denke jetzt lächelnd daran zurück. Als ich die Grenze überschritten hatte, fühlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ...“ usw. usw.
„Alles Unsinn!“ urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief zu den anderen legte. „Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nächte verleben, dann wird er doch nicht zwölf Stunden über den Büchern sitzen. War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fällt dieser Dundassowa ein, mich grüßen zu lassen? Übrigens, mag er sich amüsieren ...“
Der Satz „dans le pays de Makar et de ses veaux“ sollte bedeuten: „wohin Makar die Kälber nicht getrieben hat“[16]. Stepan Trophimowitsch übersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwörter und Redensarten ins Französische, obschon er sie zweifellos besser zu deuten und zu übersetzen verstanden hätte; aber er tat das aus Vorliebe zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig.
Doch von dem „Amüsieren“ hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurückgeflogen. Seine letzten Briefe bestanden fast ausschließlich aus Ergüssen der gefühlvollsten Liebe zu seinem „abwesenden Freunde“, und waren buchstäblich von Tränen der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die außerordentlich am Hause hängen, ganz wie die Stubenhündchen. Das Wiedersehen der Freunde war eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder nach alter Art, und sogar noch langweiliger als früher. „Mein Freund,“ sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als größtes Geheimnis, „mein Freund, ich habe etwas für mich furchtbar ... Neues entdeckt: Je suis un einfacher Schmarotzer et rien de plus! Mais r–r–rien de plus!“[4]
VIII.
Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun Jahre. Die hysterischen Ausbrüche mit dem Geschluchze an meiner Schulter wiederholten sich zwischendurch zwar regelmäßig, störten aber sonst keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, daß Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase rötete sich ein wenig und seine Großmut nahm noch zu. Allmählich bildete sich um ihn ein Kreis von Freunden, der übrigens immer klein blieb. Warwara Petrowna kümmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger Enttäuschung hatte sie sich endgültig in unserem Gouvernement niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem großen Hause in der Stadt, im Sommer draußen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einfluß gehabt, wie in diesen Jahren, das heißt, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen Gouverneurs. Dessen Vorgänger dagegen, der unvergeßliche, weiche Iwan Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken, sie könne Warwara Petrowna irgendwie mißfallen, und so grenzte denn, nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der städtischen Kreise vor Warwara Petrowna fast schon an sündhaften Götzendienst. Bei solchen Zuständen hatte es natürlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des Klubs, verlor würdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen „Gelehrten“ sahen. Späterhin, als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal wöchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwähnten Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjährlich von Warwara Petrowna bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der Cholerine.