„Es nahen die Männer, die Äxte geschärft,

Bereiten Schreckliches vor!“

Als Warwara Petrowna das einmal vernahm, rief sie: „Was für ein Unsinn!“ und verließ erzürnt das Zimmer. Liputin aber, der gerade zugegen war, bemerkte boshaft zu Stepan Trophimowitsch: „Aber es wäre doch schade, wenn die früheren Leibeigenen den Herren Gutsbesitzern etwas Unangenehmes bereiteten,“ – und er fuhr sich mit dem Zeigefinger um den Hals herum.

„Cher ami,“[6] erwiderte ihm hierauf Stepan Trophimowitsch gutmütig, „glauben Sie mir, daß dieses“ (er wiederholte die Geste um den Hals herum) „nicht den geringsten Nutzen brächte, weder unseren Gutsbesitzern, noch uns anderen insgesamt. Auch ohne Köpfe würden wir nichts herzustellen verstehen, obschon gerade unsere Köpfe uns am meisten hindern, etwas zu verstehen.“

Ich muß bemerken, daß viele bei uns annahmen, am Tage des Manifestes werde etwas Ungewöhnliches geschehen; etwas von der Art, wie es Liputin andeutete. Es scheint, daß auch Stepan Trophimowitsch diese Befürchtungen teilte, und sogar in solchem Maße, daß er kurz vor dem großen Tage Warwara Petrowna plötzlich zu bitten begann, ins Ausland reisen zu dürfen. Aber der große Tag verging, es vergingen noch mehr Tage, und das hochmütige Lächeln erschien wieder auf Stepan Trophimowitschs Lippen. Übrigens äußerte er damals einige bemerkenswerte Gedanken über den Charakter des Russen im allgemeinen und des russischen Bauern im besonderen. Er meinte schließlich:

„Als hitzige Leute sind wir etwas voreilig gewesen mit unseren Bäuerlein. Wir haben sie in Mode gebracht, und ein ganzer Zweig unserer Literatur hat sich mehrere Jahre lang nur mit ihnen abgegeben, wie mit einer neuentdeckten Kostbarkeit. Wir haben Lorbeerkränze auf verlauste Köpfe gesetzt. Das russische Dorf hat uns im Laufe der ganzen tausend Jahre nichts weiter gegeben als den Nationaltanz, den Kamárinski. Hat doch ein hervorragender russischer Dichter, dem es überdies nicht an Scharfsinn fehlte, ausgerufen, als er zum erstenmal die große Rachel auf der Bühne sah: ‚Die Rachel tausche ich nicht gegen einen russischen Bauern ein!‘ Ich bin bereit, noch viel weiter zu gehen: ich würde sogar alle russischen Bauern für die eine Rachel hingeben. Es ist Zeit, nüchterner zu urteilen und nicht unseren einheimischen unfeinen Teergeruch mit bouquet de l’impératrice[7] zu verwechseln.“

Liputin stimmte ihm sofort bei, meinte aber, daß sich zu verstellen und die Bäuerlein zu verherrlichen damals immerhin um der Richtung[18] willen notwendig gewesen sei; daß sogar die Damen der höchsten Gesellschaftskreise bei der Lektüre des „Anton Pechvogel“[19] Tränen vergossen hätten, und manche hätten sogar aus Paris an ihre Gutsverwalter geschrieben, sie sollten von nun an mit den Bauern möglichst human umgehen.

Da geschah es eines Tages, und zum Unglück gerade nach den ersten Gerüchten von Anton Petrowitsch[20], daß es auch in unserem Gouvernement, und nur 15 Werst von Skworeschniki, zu einem gewissen Mißverständnis kam, so daß man in der ersten Hitze ein Militärkommando hinschickte. Über diesen Vorfall regte sich Stepan Trophimowitsch ungeheuer auf. Im Klub schrie er, wir brauchten mehr Militär; er eilte zum Gouverneur, um zu versichern, daß er mit diesen Umtrieben nichts zu schaffen habe, und er bat, ihn nicht in diese Sache hineinzuziehen, auf Grund der Erinnerung an Gewesenes. Zum Glück ging das alles bald vorüber und löste sich in nichts auf; nur mußte ich mich damals doch über Stepan Trophimowitsch wundern.

Drei Jahre später[21] begann man, wie erinnerlich, vom Nationalismus zu sprechen und es bildete sich eine „öffentliche Meinung“. Darüber spottete er sehr.

„Meine Freunde,“ belehrte er uns, „sollte unsere Nationalität neuerdings wirklich geboren oder ‚im Entstehen begriffen‘ sein, wie sie jetzt in den Zeitungen behaupten, dann sitzt sie doch vorläufig gewiß noch in irgend so einer Petrischule[22], über dem deutschen Buch und lernt ihre ewige deutsche Lektion. Daß der Lehrer ein Deutscher ist, das lobe ich. Doch am wahrscheinlichsten dürfte sein, daß nichts geschehen wird und nichts ‚im Entstehen begriffen‘ ist, sondern alles so weitergeht wie ehedem, nämlich einfach unter Gottes Schutz! Meinem Dafürhalten nach genügt das auch für Rußland, pour notre sainte Russie.[8] Zudem sind doch alle diese Nationalismen und das Allslawentum viel zu alt, um neu zu sein. Die Nationalität ist doch bei uns, wenn Sie wollen, noch nie anders in Erscheinung getreten, als in Gestalt eines Einfalls müßiger Klubherren, und zum Überfluß noch eines Moskauer Klubs. Ich rede natürlich nicht von den Zeiten Igors[23]. Und schließlich kommt doch alles nur vom Müßigsein. Jedenfalls bei uns alles vom Müßigsein, auch das Gute, auch das Schöne. Alles von unserem herrschaftlichen, lieben, gebildeten, launenzüchtenden Müßigsein! Dreißigtausend Jahre lang wiederhole ich das schon! Wir verstehen nicht, von eigener Arbeit zu leben. Und was reden sie nur so viel von dieser öffentlichen Meinung, die es bei uns jetzt auf einmal geben soll, – so plötzlich, wie ohne weiteres fertig vom Himmel gefallen? Begreifen die Leute denn wirklich nicht, daß zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit gehört, eigene Mühe, eigener Versuch in der Sache, eigene Erfahrung! Ohne eigene Mühe wird nie etwas erworben. Wenn wir arbeiten werden, werden wir auch eine eigene Meinung haben. Da wir aber niemals arbeiten werden, so wird auch immer die Meinung derjenigen maßgebend sein, die an unserer Statt bisher gearbeitet haben, also die Meinung immer desselben Europa, immer derselben Deutschen, die ja schon seit zwei Jahrhunderten unsere Lehrer sind. Überdies ist Rußland ein viel zu großes Mißverständnis, als daß wir allein es erklären könnten, ohne die Deutschen und ohne Arbeit. Schon seit zwanzig Jahren läute ich die Alarmglocke und rufe zur Arbeit! Ich habe mein Leben dafür hingegeben, um aufzuwecken und zu rufen, und habe geglaubt, ich Tor, daß es nicht vergeblich sei! Jetzt glaube ich das nicht mehr, aber ich werde trotzdem bis zum Schluß läuten, bis man mir den Strang aus der Hand nimmt, um zu meiner Seelenmesse zu läuten!“