Aber es gab auch noch andere Gerüchte, nur wurden sie nicht so allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja, eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwähne, um den Leser im Hinblick auf die späteren Ereignisse zum Aufmerken zu veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen nämlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott weiß woher aufgetauchten Gerücht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe er in Petersburg zu irgendwelchen höchsten Spitzen Beziehungen angeknüpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und jetzt womöglich mit irgendwelchen hochwichtigen Aufträgen hergesandt. Als nun gewichtige und ernsthafte Leute über dieses Gerücht lächelten und vernünftig bemerkten, daß ein Mensch, der von Skandalen lebte und bei uns damit begann, daß er sich ungestraft ohrfeigen ließ, einem Staatsdiener nicht gerade ähnlich sähe, da wurde ihnen leise zugetuschelt, daß er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es im Interesse der Sache sogar wünschenswert, daß der betreffende Vertrauensmann möglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt, daß man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt. Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persönlich erschien. Im übrigen aber muß ich noch erwähnen, daß der Ursprung vieler dieser Gerüchte zum Teil ein paar kurze, doch gehässige Bemerkungen gewesen waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D. war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben alten Würdenträgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf so unverzeihliche Weise beleidigt hatte.

Bekannt war auch schon geworden, daß Julija Michailowna Warwara Petrowna einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt mitgeteilt habe, Warwara Petrowna könne „wegen Krankheit“ leider nicht empfangen; ferner, daß Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener zu Warwara Petrowna geschickt hätte, um sich nach deren Befinden zu erkundigen; und schließlich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna persönlich zu „verteidigen“, wenn auch nur in höherem Sinne, d. h. in einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfänglichen Bemerkungen über den Vorfall an jenem Sonntag hörte sie kalt und streng an, so daß man schon sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte. Zugleich verbreitete sich dadurch die Überzeugung, Julija Michailowna habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerüchte gehört, sondern wisse sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine „Mitbeteiligte“. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß es Julija Michailowna zum Teil schon gelungen war, jenen höheren Einfluß zu erringen, nach dem sie so augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits praktischen Verstand zu und viel Takt – aber davon später! Jedenfalls war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklärte – seine gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan Trophimowitsch in Erstaunen setzten.

Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem stolzen, hochmütigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch Gaganoff, in freundschaftlichem Gespräch begriffen, in einer Equipage vorüberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch gleichfalls vorzüglich aufgenommen, so daß er dort schon nach wenigen Tagen die Rolle des gehätschelten jungen Mannes spielte und fast täglich bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheißen, er sei ein Revolutionär? Hatte er sich nicht an allen möglichen ausländischen Veröffentlichungen und Kongressen beteiligt? „Aus alten Zeitungen kann ich Ihnen das sogar schwarz auf weiß nachweisen!“ sagte einmal Aljoscha Telätnikoff wütend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten Gouverneurs auch einmal der gehätschelte Junge gewesen war und nun als abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der ehemalige Revolutionär trat in Rußland ohne die geringste Behelligung auf – also waren alle Gerüchte vielleicht völlig unbegründet gewesen? Liputin flüsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehässige Äußerung Liputins Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna von der Gattin einer der ersten Persönlichkeiten Petersburgs einen langen Brief überbracht, in dem unter anderem erwähnt war, daß auch Graf K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn einen „interessanten jungen Mann, trotz der früheren Verirrungen“, genannt habe. Julija Michailowna schätzte ihre spärlichen, so mühevoll aufrecht erhaltenen Beziehungen zur „hohen Gesellschaft“ bis zur Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn über den Brief jener hohen, alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas Unerklärliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in fast familiäre Beziehung, so daß Herr von Lembke sich schon beklagte – doch davon gleichfalls später! Bemerken möchte ich nur noch, daß selbst Karmasinoff, der „große Schriftsteller“, sich äußerst wohlwollend zu Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud – eine Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklärte sie mir allerdings anders, nämlich: daß Karmasinoff durch diesen „Nihilisten“, für den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der fortschrittlichen Jugend in Fühlung treten wollte. Der „große Schriftsteller“ zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache einbildete, in ihren Händen liege der Schlüssel zur Zukunft Rußlands, so wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptsächlich deshalb, weil sie ihrerseits für ihn nur Mißachtung hatten, in jeder nur möglichen, und wenn auch für ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln.

II.

Pjotr Stepanowitsch war übrigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen, doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen, und auch dann nur in Geschäften.

Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden. Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze Summe für das Gütchen, fünfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch überbrachte ihm irgendein Schriftstück, das er dann stumm und würdevoll unterzeichnete. Ja, eines möchte ich bei der Gelegenheit noch ausdrücklich bemerken: unser „Alter“ bewahrte in diesen Tagen eine Haltung, wie nie zuvor, war würdevoll schweigsam, schrieb aber tatsächlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich früher einfach nicht für möglich gehalten hätte, so daß ich unseren früheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar plötzlich in einer bestimmten großen Idee gefunden, und nun saß er da und wartete auf irgend etwas. Ganz zuerst freilich, gleich am Montag früh, da war er krank – wenn sich auch bloß seine übliche Cholerine einstellte. Erzählte ich ihm von dem, was man in der Stadt sprach, so hörte er aufmerksam zu. Wollte ich dann aber auf den Kern der Sache übergehen, so winkte er mir sofort ab. Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverständlich sehr erregt, aber nicht erschüttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan: aber im „höheren Sinne“ blieb er, wie gesagt, doch ruhig.

Übrigens kam es zuweilen doch vor, daß er mir auch nicht abwinkte, wenn ich mit meinen Erzählungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit im Stiche ließe und er gegen neue stürmisch andrängende Ideen innerlich zu kämpfen hätte.

Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwähne sie. Ich ahnte wohl, daß ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen.

„Oh, cher, wie ich sie aufs Haupt schlagen würde!“ rang es sich am Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag. Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort gesprochen.

„... ‚Fils‘, ‚fils chéri‘[98] und so weiter ... ich gebe ja zu, daß diese Ausdrücke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Köchinnen stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genährt noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Säugling aus Berlin per Post nach Rußland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ... ‚Du hast mich nicht genährt, nicht gekleidet, sondern per Post fortgeschickt,‘ sagt er, ‚und hier hast du mich obendrein noch bestohlen.‘ Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, für wen hat denn mein Herz mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post fortgeschickt habe!? Il rit.[99] Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu ... wenn auch per Post –“ schloß er, wie im Fieber phantasierend.