„Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, muß man unbedingt etwas Lüge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht verstehen können. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich würde wünschen, daß es so wäre. Ich würde es wünschen ...“

Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange.

„Man sagt: ‚französischer Verstand!‘ ...“ begann er plötzlich von neuem und fast wie im Fieber. „Aber das ist eine Lüge. So ist es bei uns schon immer gewesen. Wozu den französischen Verstand verleumden? Hier ist es einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende Unfähigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle unter den Völkern. Ils sont tout simplement des paresseux,[107] – aber nicht ‚französischer Verstand‘! Die Russen müßten zum Wohle der übrigen Menschheit ganz einfach vertilgt werden ... wie schädliche Parasiten! Wir, in unserer Jugend, wir haben nach etwas ganz, ganz anderem gestrebt. Jetzt verstehe ich nichts mehr, ich habe ganz einfach aufgehört, zu verstehen! Ja, siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du denn nicht ein, daß bei euch die Guillotine nur deshalb auf dem ersten Plan steht, weil Kopfabschneiden viel, viel leichter ist, als eine Idee haben? Vous êtes des paresseux! Votre drapeau est une guenille, une impuissance![108] Diese Wagen, oder wie sie da ... ‚das Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen‘ ... nützlicher als die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... une bêtise dans ce genre.[109] Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du denn nicht ein, daß ein Mensch außer dem Glück genau ebensosehr und genau in demselben Maße das Unglück nötig hat? Il rit! – ‚Du reißt hier Witze‘, sagte er mir, ‚und ... schonst dabei deine Knochen (er drückte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist‘ ... Und vergessen Sie nicht, daß er mich dabei duzt, den Vater, als Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei Meinung wären ... aber so, wenn wir uns nun zanken?“

Wir schwiegen wieder.

„Cher,“ sagte er plötzlich, sich schnell erhebend, „wissen Sie auch, daß das unbedingt mit irgend etwas enden muß?“

„Nun, freilich,“ sagte ich.

„Vous ne comprenez pas. Passons.[110] Aber ... gewöhnlich endet es im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt, unbedingt!“

Er stand auf und ging in größter Aufregung hin und her – bis er sich dann schließlich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken ließ.

Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns.

Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin, der mir erzählte, daß die beiden Lebädkins auf der anderen Flußseite in der Fabrikvorstadt wohnten. „Ich selbst habe sie hinübergeschafft,“ fügte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, daß Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe – offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber nichtsdestoweniger sei es Tatsache.