„Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Autors richtig ist,“ sagte er wie im Fieber zu mir, – „aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, – ja und was könnten die denn überhaupt noch Neues sagen, nach uns! Aber, Gott, wie ist das alles mißverstanden, wie entstellt, wie verdorben!“ rief er, nervös mit den Fingern auf das Buch klopfend. „Haben wir je solche Folgerungen gezogen, das etwa erstrebt? Wer kann hier überhaupt den Grundgedanken herauslesen?!“
„Bildest dich?“ fragte Pjotr Stepanowitsch spöttisch, nachdem er das Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. „War schon längst an der Zeit. Kann dir noch bessere Bücher bringen, wenn du willst.“
Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich saß auf dem anderen Diwan in der Ecke.
Pjotr Stepanowitsch erklärte schnell, warum er gekommen sei. Stepan Trophimowitsch war ganz unverhältnismäßig betroffen und hörte mit einem Schrecken zu, der sich mit äußerstem Unwillen mischte.
„Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres überzeugt, daß ich bei ihr vorlesen werde!“
„Das heißt, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich überhaupt nicht. Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, daß du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch riesig gern vorlesen,“ schmunzelte er. „Ihr Alten habt ja alle ’ne höllische Ambition. Aber, hör mal, damit es nicht zu langweilig ist – du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst schläferst du uns am Ende noch alle ein.“
Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er tat, als könne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmöglich feiner sprechen. Mein Freund fuhr unerschütterlich fort, die Beleidigungen nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehörten doch immer mehr auf.
„Und sie selbst, sie selbst hat ... dir gesagt, daß du es mir mitteilen sollst?“ fragte er.
„Das heißt, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit dir auszusprechen – die letzten Überreste eurer Sentimentalitäten. Du hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten Albernheiten angewöhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehört; jetzt wiederholt sie ja selbst stündlich, daß sie dich nun erst ‚durchschaut‘. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, daß eure ganze Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Erguß von Spülicht gewesen ist. Sie hat mir viel erzählt, weißt du. Pfui, was für ein Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe für dich erröten müssen.“
„Ich – ein Lakaienamt bekleidet?“ rief Stepan Trophimowitsch, der nun doch nicht mehr an sich halten konnte.