Er stand auf und nahm seinen Hut.

„Ich – verfluche dich!“ rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod, und streckte seine Hand aus.

„Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt!“ Pjotr Stepanowitsch wunderte sich wirklich. „Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir kommen. Den Aufsatz schick etwas früher, vergiß es nicht, und bemühe dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen, Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie möglich. Adieu!“

III.

Pjotr Stepanowitsch hatte übrigens noch andere Gründe dafür, mit seinem Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu einem Skandal zu treiben, der die Öffentlichkeit in einer ganz bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mußte. Etwas Derartiges hatte er für seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst später die Rede sein soll, unbedingt nötig. Noch eine ganze Reihe ähnlicher und miteinander in Zusammenhang stehender Pläne – freilich alle von einer gewissen Phantastik – gingen damals durch seinen Kopf. Außer Stepan Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Märtyrer im Auge. Überhaupt hatte er deren nicht wenige, wie sich später herausstellte; doch auf diesen anderen Märtyrer rechnete er ganz besonders, und der war – Herr von Lembke in eigener Person.

Andrei Antonowitsch von Lembke gehörte zu jenem bevorzugten (von der Natur bevorzugten) Volke, von dem in Rußland mehrere hunderttausend Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, daß sie in ihrer ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische Selbstverständlichkeit – eben durch das unbedingte Zusammenhalten und die Unterstützung, die sie sich überall und unter allen Umständen wechselseitig zuteil werden lassen.

Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener höheren russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Söhne solcher Familien eintreten können, die mit Reichtum oder Verbindungen beglückt sind. Die Zöglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem Abiturientenexamen so untergebracht, daß sie selbst bei geringer Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs Großväter waren: ein Oberstleutnant und ein Bäcker. Trotzdem hatte man ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da – er fand noch andere junge Leute ähnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad; mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das störte weiter nicht – man hatte ihn trotzdem gern. Als später, in den höheren Klassen, die Jünglinge, die meistens Russen waren, schon über alle möglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone, der keinen Zweifel darüber bestehen ließ, daß sie, sobald sie nur erst die Schule hinter sich gebracht hätten, sofort sämtliche Probleme mit einem Schlage lösen würden – da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschäftigen. Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine Mitschüler auch jetzt noch durch alle möglichen Einfälle zu unterhalten – Einfälle, die sich zwar nicht durch allzu großen Geistesreichtum auszeichneten, dafür aber die junge Gesellschaft zu erheitern vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mißtönende Weise die Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche equilibristischen Kunststücke, die ihm einen allgemeinen und begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertüre zu „Fra Diavolo“. Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er für genial hielt, dieweil er nämlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache, denn seine Muttersprache beherrschte er nur äußerst ungrammatisch, wie so viele seiner in Rußland lebenden Volksgenossen.

Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn eines armen Offiziers, den die ganze Schule für einen zukünftigen großen Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengeführt. Wie erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur von oben herab, gnädig, beinahe gönnerhaft angenommen hatte, als er drei Jahre später seinen Protegé, den „Lembka“, wie man ihn allgemein genannt hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrücke traf! Der „zukünftige große Poet“ hatte sich inzwischen ganz der russischen Literatur gewidmet und es bereits glücklich bis zu zerrissenen Stiefeln und einem dünnen Sommerpaletot im Spätherbst gebracht. Um so eigentümlicher mußten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen „Lembka“ wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht – vor ihm stand ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswürdig bearbeitetem rötlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrüßte ihn sehr freundlich, gab ihm seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, daß er jetzt nicht mehr einfach der „Lembka“, sondern Herr von Lembke war. Doch als nun der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatsächlich einmal besuchte, da fand er keineswegs die Reichtümer vor, die er erwartet hatte, fand seinen „Lembka“ vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrünen Vorhang in zwei ungleiche Hälften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrünen, zwar gepolsterten, aber bereits ziemlich verschossenen Möbeln eingerichtet war. Von Lembke wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitläufiger Verwandtschaft stand und der den jungen Mann nach Möglichkeit in seiner Laufbahn förderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst ernst und von gesellschaftlicher Höflichkeit. Über Literatur sprachen sie nur beiläufig. Ein Diener in weißer Weste brachte einen etwas bläßlichen Tee und hartes kleines, rundes Gebäck. Als der Freund aus Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht, doch erst nach auffallend langer Zeit, während der Lembke etwas betreten zu sein schien. Übrigens muß ich hinzufügen, daß er dem Schulfreunde auch einen Imbiß anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke begann damals, trotz ärmlicher Verhältnisse, seine „Karriere“ und lebte bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war.

In dieser Zeit hatte er sich in die fünfte Tochter des Generals verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe nicht sehr lange nach, sondern – klebte aus Pappe ein Theater. Das ward ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten auf und gestikulierten mit den Händen, in den Logen saßen Damen, im Orchester fuhren die Musiker mit den Bögen über die Instrumente, der Kapellmeister fuchtelte mit einem Stöckchen und das Publikum klatschte in die Hände. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und ausgeführt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang hatte er über diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge Mädchen, sowie die fünf Töchter des Generals, darunter die neuvermählte Amalie und deren Gatte, waren sehr entzückt, als das Theater vorgeführt wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprüchen über den Verfertiger – worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und vergaß seinen Liebesgram alsbald.

Ein paar Jahre vergingen und seine „Karriere“ machte sich mehr und mehr. Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher Abstammung waren, und erreichte in verhältnismäßig jungen Jahren einen recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen nach einer passenden Partie umgesehen. Übrigens dichtete er auch jetzt noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm höflich wieder zur Verfügung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben: diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzüglich: die Leute kamen aus dem Bahnhof und drängten sich, mit Koffern und Taschen in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glöckchen klingelte und der Zug setzte sich in Bewegung. Über diesem Kunststück hatte er ein ganzes Jahr gesessen, seine Heiratspläne aber diesmal nicht darüber vergessen. Sein Bekanntenkreis war ziemlich groß, meistens deutsche Gesellschaft, doch verkehrte er auch in einigen russischen Familien – selbstverständlich nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon achtunddreißig Jahre zählte, eine kleine Erbschaft zu: sein Großvater, der Bäcker, starb und hinterließ ihm testamentarisch dreizehntausend Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewiß mit einem kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhängigen Posten vollkommen zufrieden gewesen wäre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften Minna oder Ernestine, plötzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine Stellung stieg sofort um ein paar Stufen höher. Der bescheidene und gewissenhafte von Lembke fühlte, daß auch er ehrgeizig zu sein vermochte.