Und schließlich erriet ich auch jenen wichtigsten und besonderen Kummer, der ihn diesmal so unablässig quälte. Er war schon mehrere Male vor dem Spiegel stehen geblieben. Schließlich wandte er sich von ihm ab und sagte in einer seltsamen Verzweiflung:
„Mon cher, je suis un[27] heruntergekommener Mensch!“
Ja, in der Tat, bis dahin, bis zu diesem Tage war er wenigstens von einem beständig überzeugt geblieben, trotz aller „neuen Anschauungen“ und „Ideenänderungen“ Warwara Petrownas, nämlich davon, daß er für ihr weibliches Herz immer noch bezaubernd sei, d. h. nicht nur als Verbannter oder als berühmter Gelehrter, sondern auch als schöner Mann. Zwanzig Jahre lang hatte diese schmeichelhafte und beruhigende Überzeugung tief verwurzelt in ihm gelebt, und vielleicht fiel ihm nichts so schwer, wie daß er von allen seinen Überzeugungen ausgerechnet diese aufgeben mußte. Ahnte er vielleicht an diesem Abend, welch eine ungeheure Prüfung ihm schon in so naher Zukunft bevorstand?
VI.
Ich komme jetzt zu der Wiedergabe jenes zum Teil vergessenen Geschehnisses, mit dem meine Chronik eigentlich erst beginnt.
Ende August kehrten Drosdoffs zurück. Sie trafen kurz vor ihrer Verwandten ein, der lange von der ganzen Stadt erwarteten Gattin unseres neuen Gouverneurs, und überhaupt machte ihr Erscheinen bei uns einen auffallenden Eindruck in der Gesellschaft. Doch davon später; hier sei nur bemerkt, daß Praskowja Iwanowna der sie ungeduldig erwartenden Warwara Petrowna ein höchst beunruhigendes Rätsel mitbrachte: Nicolas hatte sich bereits im Juli von ihnen getrennt und war mit der Familie des Grafen K. nach Petersburg zurückgekehrt. (NB. Der Graf hatte drei heiratsfähige Töchter.)
„Von Lisaweta habe ich nichts erfahren können, aus diesem stolzen Trotzkopf ist ja nichts herauszubringen,“ schloß Praskowja Iwanowna, „aber ich habe ja selbst gesehen, daß zwischen ihr und Nicolas etwas vorgefallen ist. Die Ursache ist mir unbekannt, aber ich glaube, Sie werden sich, meine Liebe, nach diesen Ursachen am besten bei Ihrer Darja Pawlowna erkundigen. Meiner Meinung nach ist Lisa gekränkt worden. Ich bin nur froh, daß ich Ihren Liebling Dascha endlich wieder Ihnen abliefern kann. Gott sei Dank, nun bin ich sie los!“
Doch mit diesen giftigen, offenbar absichtlich so vielsagenden Worten geriet sie an die Falsche: Warwara Petrowna verlangte sofort streng eine nähere Erklärung. Praskowja Iwanowna wurde hierauf sehr viel kleinlauter, ja schließlich begann sie zu weinen und ihr Herz auszuschütten. Es sei also zwischen Lisa und Nicolas tatsächlich zu einem Zerwürfnis gekommen, doch Gott weiß aus welchem Grunde. Ihre Anspielung auf Darja Pawlowna nahm sie wieder zurück und bat sogar ausdrücklich, ihre „in der Gereiztheit“ gesprochenen Worte ganz zu vergessen. Zu jenem Zerwürfnis hätte wohl der „trotzige und spöttische“ Charakter Lisas den Anstoß gegeben, und der „stolze“ Nicolas sei zwar sehr verliebt gewesen, habe aber die Spötteleien doch nicht ertragen und selbst zu spotten begonnen. Kurz, alle diese Erklärungen kamen sehr unklar heraus. Und dann hätten sie noch Stepan Trophimowitschs Sohn kennen gelernt, – „Das war ein ganz gewöhnlicher junger Mann, sehr lebhaft und frei, aber sonst nichts Besonderes.“ Diesen jungen Mann habe nun Lisa unrechterweise sehr bevorzugt, wohl um Nicolas eifersüchtig zu machen, nur sei ihr das nicht gelungen: statt eifersüchtig zu werden, habe Nicolas sich selbst mit dem jungen Manne befreundet, ganz als bemerke er nichts oder als wäre ihm das ganz gleichgültig. „Nun und das empörte Lisa. Der junge Mann reiste übrigens bald weiter, Lisa aber begann nun bei jeder Gelegenheit Streit mit Nicolas. Sie bemerkte, daß dieser manchmal mit Dascha sprach, und das ärgerte sie furchtbar. Da gab’s denn ewig Streit und für mich Aufregungen die aber hatten die Ärzte mir doch so verboten! Und plötzlich erhielt Nicolas von der Gräfin einen Brief und reiste sofort ab. Ihr Abschied war wieder freundschaftlich. Auf dem Wege zur Bahnstation, wohin wir ihn begleiteten, war Lisa sehr lustig und lachte viel. Alles Verstellung natürlich! Kaum aber war er weg, da wurde sie sehr nachdenklich, erwähnte ihn überhaupt nicht mehr und ließ auch mich nicht einmal von ihm sprechen. Meine Bemerkung über Dáschachen aber war falsch, nehmen Sie es mir nicht übel, Mütterchen, verzeihen Sie mir schon die Sünde! Es waren ja nur ganz gewöhnliche Gespräche, die laut geführt wurden. Mich hat das alles nur so nervös gemacht. Aber auch Lisa verhält sich zu Dascha jetzt wieder so freundlich, wie sie vorher verkehrten. Und mit Nicolas wird sie sich gewiß ebenso aussöhnen, wenn er nur bald herkäme ...“
Warwara Petrowna sagte nur, sie kenne Darja und das sei alles Unsinn. An Nicolas aber schrieb sie noch am selben Tage und bat ihn sehr, doch wenigstens einen Monat früher zu kommen als er versprochen hatte. – Und doch blieb für sie etwas Unklares in der ganzen Sache: „Nicolas ist nicht der Mann, der vor dem Spott eines Mädchens davonläuft ... Jenen Offizier haben sie richtig mitgebracht und als Verwandten im Hause einquartiert. Wie kam diese Praskowja darauf, Darja so zu verdächtigen? Und dann diese schnelle Entschuldigung ... Sicher steckt etwas dahinter, was sie nicht sagen wollte, aber zu plump angedeutet hatte“ ... Warwara Petrowna dachte die ganze Nacht darüber nach. Zum Morgen hin aber war ihr Plan fertig, wie sie wenigstens ein Hindernis beseitigen könnte. Das war nun freilich ein sehr merkwürdiger Plan, und was in ihrem Herzen vorging, als sie diesen Entschluß faßte, weiß ich nicht, noch werde ich versuchen, alle Widersprüche, die er enthielt, zu erklären. Bemerken muß ich nur, daß bis zum Morgen nicht der geringste Verdacht gegen Dascha in ihr zurückgeblieben war. Aber sie hätte es ja auch nie für möglich gehalten, daß ihr Nicolas sich für diese ihre ... „Darja“ lebhafter interessieren könnte. Am Morgen, als Dascha am Teetisch hantierte, sah Warwara Petrowna sie lange und prüfend an und sagte sich schließlich wohl zum zwanzigsten Male überzeugt: „Alles Unsinn!“ Es fiel ihr nur auf, daß Dascha seltsam müde aussah und noch stiller war als gewöhnlich. Nach dem Tee setzten sie sich beide wie immer an eine Handarbeit und Warwara Petrowna ließ sich nun einen ausführlichen Bericht über die Eindrücke erstatten, die Dascha im Auslande empfangen hatte, über die Natur, die Menschen, Sitten, Kunstwerke, Gewerbe usw. Nur über Drosdoffs und das Leben bei diesen stellte sie nicht eine Frage. Als Dascha eine halbe Stunde mit ihrer gleichmäßigen, eintönigen, aber etwas schwachen Stimme erzählt hatte, unterbrach sie sie plötzlich:
„Darja, hast du mir denn nichts Eigenes zu sagen?“