„Wahnsinniger!“ murmelte Stawrogin.
„Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!“ hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, „aber ich habe den ersten Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!“
Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.
„Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,“ eilte jener wie gehetzt weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfaßte. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist, ha–ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und somit, um Geld zu bekommen, unmöglich nicht töten konnte, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn ist. Ich komme wieder – und schon ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. – ‚Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?‘ – Doch das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den Gerichtshöfen heißt es: ‚zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den Eimer‘. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu führt es ...“
„Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,“ brummte Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort.
„Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ... Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Ekel verwandelt – das ist es, was nötig ist! Und dann ein bißchen ‚frisches Blut‘, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein Sozialist. Ha–ha–ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. Schnell – wie? Ha–ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.“
„Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit Verwunderung,“ sagte Stawrogin, „Sie sind also wirklich kein Sozialist, sondern ein politischer ... Streber?“
„Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig, daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß jene nur mit der ‚Keule fuchteln und die Eigenen schlagen‘. Ach, nur Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine räudige ‚Gruppe‘, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie’s die Welt bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen wir ... Wen?“
„Wen?“
„Den Zarewitsch Iwan!“