„Nein, es war im ganzen nur ein ... bureaukratischer Zwischenfall,“ antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd.

„Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,“ griff Julija Michailowna in das Gespräch ein. „Ich denke, daß Sie diese Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der literarischen Matinee etwas vorzutragen?“

„Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...“

„Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.“

„Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,“ bemerkte Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, „aber ich glaube nun einmal nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten sei. Übrigens, ich ...“

„Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!“ rief plötzlich Pjotr Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. „Kaum habe ich ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal träumen lassen, – kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten anzuschwärzen.“

„Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,“ verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.

„Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer, mais brisons là, mon cher,“[172] sagte Stepan Trophimowitsch, sich mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.

Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes.

Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein Ohr: er zuckte heftig zusammen, – und kaum hatte Stepan Trophimowitsch seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn wirklich furchtbar verletzt.