„Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!“
„Ja, und du bist nur ein Schwein ...“
„In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball erlebt,“ sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden.
Diese Dame – eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide – war in der Stadt zwar allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von dieser nicht empfangen worden.
„Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,“ fügte sie hinzu, indem sie frech Julija Michailowna in die Augen sah.
„Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?“ fragte plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.
„Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!“ versetzte jene Dame sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen sie und Frau von Lembke.
„Chère dame,“ – er beugte sich zu Julija Michailowna – „wenn ich einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ... Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an–schei–nend nicht wohl fühlt ... Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...“
Doch es war bereits zu spät.
Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der „Quadrille“ mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter über eines der in der „Quadrille“ produzierten Stückchen: der Herausgeber der „gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift“, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl endgültig, daß er die Brillengläser des „ehrlichen russischen Gedankens“ nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte Entstellungsmanier der „gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift“ veranschaulichen sollte, die unter Umständen selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. „Das hatte man mir verheimlicht, absichtlich verheimlicht!“ sagte sie später immer wieder, als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack, dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen.