„Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen – zwei ganz verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig große. Zuerst lernt er allmählich das Lesen, in Jahrhunderten natürlich, aber zerreißt und vernachlässigt das Buch, da er es noch nicht für eine ernste Sache hält. Ein Buch aber einbinden lassen, heißt schon das Buch achten, bedeutet, daß er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern auch als eine große Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Rußland noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.“

„Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrückt, doch nicht dumm gedacht und erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz geistreich sein, vor drei Jahren.“

Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre früheren eigensinnigen Phrasen.

„Marie, Marie,“ wandte sich Schatoff gerührt zu ihr, „oh, Marie! Wenn du wüßtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist! Ich hörte, daß du mich später verachtet haben sollst, weil ich meine Überzeugungen geändert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor persönlicher Unabhängigkeit fürchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde der Persönlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? – doch nur Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmäßigkeit, spießerhafteste, erbärmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne persönliche Würde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder höchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die Hauptsache: überall sind Schurken, Schurken und Schurken!“

„Ja, Schurken gibt es viele,“ sagte sie kurz.

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als fürchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurückgebogen, und sah mit müdem, doch heißem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen trocken und heiß.

„Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei?“ rief Schatoff aus.

Sie wollte den Kopf schütteln zum Zeichen der Verneinung, doch plötzlich wurde sie wieder von einem Krampf erfaßt. Wieder verbarg sie das Gesicht in dem Kissen und wieder preßte sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs, der, außer sich vor Angst, zu ihr gestürzt war.

„Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!“

„Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!“ rief sie fast jähzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, daß nun wieder ihr Gesicht zu sehen war. „Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!“