„Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken,“ sagte ich, um ein Gespräch anzuknüpfen. „Bei ihm scheint der Atheismus ein bißchen zur fixen Idee geworden zu sein.“
„Der russische Atheismus ist noch nie über ein schlechtes Wortspiel hinausgekommen,“ brummte Schatoff, während er den alten Lichtstumpf aus dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte.
„Ich glaube nicht, daß es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er versteht ja, wie’s scheint, überhaupt kaum zu sprechen – wie sollte er da noch an Wortspiele denken!“
„Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,“ bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen Stuhl gesetzt und die Handflächen auf die Kniee gestützt hatte.
„Haß ist auch dabei,“ sagte er nach einer Weile des Schweigens. „Diese Leute würden selbst als erste sterbensunglücklich sein, wenn Rußland sich auf irgendeine Weise veränderte, und wäre es auch genau nach ihrem Wunsch, und plötzlich unermeßlich reich und glücklich werden würde. Dann hätten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, über den sie spotten könnten! Hier ist’s nichts als ein einziger tierischer, grenzenloser Haß auf Rußland, der sich in ihren Organismus hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Tränen, die sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist hier überhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Rußland etwas Dümmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den ‚heimlichen Tränen‘!“ sagte er fast jähzornig.
„Weiß Gott, Sie sind aber wütend!“ sagte ich lachend.
„Und Sie sind ‚gemäßigt liberal‘.“ Schatoff lächelte flüchtig. „Wissen Sie,“ sagte er nach einer Weile ganz plötzlich, „ich habe das vorhin vielleicht falsch gesagt, das vom ‚Lakaientum der Gedanken‘. Sie werden gewiß bei sich gedacht haben: ‚Das sagt er nur, weil er von einem Lakai geboren ist, ich aber bin’s nicht.‘“
„Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf! ...“
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich fürchte Sie nicht. Früher stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo er jemandem die Stiefel putzen kann.“
„Was für Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?“