„Sie suchen Werssiloff, Sie haben mit ihm abzurechnen, und ich auch,“ fuhr ich fort. „Ich bin gekommen, um für immer Abschied zu nehmen. Gehen wir.“
„Sie sind sein Sohn?“
„Das hat damit nichts zu tun. Übrigens, allerdings, ich bin sein Sohn, obgleich ich Dolgoruki heiße, ich bin ein Unehelicher. Dieser Herr hat eine Menge unehelicher Kinder. Wenn Gewissen und Ehre es verlangen, verläßt selbst der leibliche Sohn das Elternhaus. Das steht schon in der Bibel. Außerdem ist ihm jetzt eine Erbschaft zugefallen, ich will sie aber nicht mit ihm teilen, und so gehe ich, um von meiner Hände Arbeit zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein hochherziger Mensch sogar sein Leben. Krafft hat sich erschossen, Krafft! – und einzig um einer Idee willen! Können Sie sich das vorstellen, er war noch ein junger Mann und berechtigte zu großen Hoffnungen ... Hier, bitte hier! Wir wohnen in einem besonderen Haus. Schon die Bibel spricht davon, daß die Kinder ihre Väter verlassen und ihr eigenes Nest begründen ... Wenn die Idee einen treibt ... wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache, die Idee ist alles ...“
So und ähnlich sprach ich die ganze Zeit zu ihr, während wir zu unserer Wohnung schritten. Der Leser wird wohl bemerken, daß ich mich nicht gerade schone, und wo es nötig ist, mich selbst an den Pranger stelle: ich will lernen, die Wahrheit zu sagen. Werssiloff war zu Hause. Ich trat ein, ohne den Mantel abzulegen; sie gleichfalls. Sie war furchtbar ärmlich gekleidet: über einem dunklen Kleidchen hing irgendein Zeugstück, das einen Kragen oder eine Mantille vorstellen sollte, und auf dem Kopf hatte sie ein altes, abgenutztes Matrosenhütchen, das ihr sehr schlecht zu Gesicht stand. Als wir eintraten, saß meine Mutter mit einer Handarbeit auf ihrem gewohnten Platz, und meine Schwester trat aus ihrem Zimmer, um zu sehen, wer da käme, und blieb in der Tür stehen. Werssiloff tat wie gewöhnlich nichts; als wir eintraten, erhob er sich und sah mich mit einem strengen, fragenden Blick an.
„Ich habe hiermit nichts zu schaffen,“ beeilte ich mich zu versichern und stellte mich abseits am Fenster auf. „Ich traf diese Dame soeben unten an der Hofpforte; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr den Weg hierher zeigen. Ich aber bin jetzt in einer eigenen Angelegenheit gekommen, die zu erklären ich nach der Dame das Vergnügen haben werde ...“
Werssiloff fuhr aber trotzdem fort, mich neugierig anzusehen.
„Erlauben Sie,“ begann das junge Mädchen ungeduldig.
Werssiloff wandte sich ihr zu.
„Ich habe lange darüber nachgedacht, aus welchem Grunde es Ihnen eingefallen sein könnte, dieses Geld gestern bei mir zu lassen ... Ich ... mit einem Wort ... Da, nehmen Sie Ihr Geld!“ rief sie wieder empört, außer sich, wie ich sie schon schreien gehört hatte, und sie schleuderte das Päckchen Banknoten auf den Tisch. „Ich habe Ihre Wohnung im Adreßbureau aufsuchen müssen, sonst hätte ich es Ihnen früher zurückgebracht. Hören Sie, Sie!“ wandte sie sich plötzlich an meine Mutter, die auf einmal erbleichte; „ich will Sie nicht kränken, Sie sehen ehrlich aus, und vielleicht ist das sogar Ihre Tochter. Ich weiß nicht, ob Sie seine Frau sind oder wer sonst, aber Sie sollen es erfahren, daß dieser Herr Zeitungsanzeigen ausschneidet, solche, in denen Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld Stunden suchen, und dann geht er zu diesen Unglücklichen und sucht sie ehrlos zu machen, indem er sie mit Geld ins Unglück zieht. Ich verstehe nicht, wie ich gestern das Geld von ihm annehmen konnte, – er sah so ehrlich aus! ... Schweigen Sie, kein Wort! Sie sind ein Lump, mein Herr! Und selbst wenn Sie mit ehrlicher Absicht gekommen sein sollten, so will ich doch Ihr Almosen nicht. Kein Wort! Schweigen Sie! Oh, wie mich das freut, daß ich Sie jetzt vor Ihren Frauen habe entlarven können! Seien Sie verflucht!“
Sie lief schnell hinaus, nur auf der Schwelle blieb sie noch eine Sekunde lang stehen und rief noch höhnisch zurück: „Sie sollen ja, sagt man, eine Erbschaft gemacht haben!“ Und sie verschwand wie ein Schatten. Ich erinnere nochmals daran: sie war außer sich, sie glich einer Rasenden. Werssiloff war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken versunken und als überlege er: auf einmal wandte er sich hastig zu mir.