„Wie, was? – ich soll die Hauptperson sein?“ griff Stebelkoff sofort lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst.

„Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!“

„Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen zweiten Mann. Und dieser zweite Mann – der bin ich! Also der zweite. Es gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“

„Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht ganz.“

„Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so oder nicht?“

Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen.

„Kommen Sie,“ sagte der Fürst.

Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben, sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen.

Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich, und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben Minute erschien der Besuch.

Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch, daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige Miene auf, – mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen, und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner, und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen, beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch.