„Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen, sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner Mutter entwendet – er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft –; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu ringen und zum Himmel zu erheben, – ‚ich aber zog das Messer und sagte, daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,‘ erzählte er. (Übrigens schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel ‚erdchosseln‘ aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu trinken. Eine Dame trat ein ... Ich entsinne mich noch, daß ich sehr erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, – sie trug eine grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das ... wovon ich Ihnen erzählte ... Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen, und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen ...“
Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt.
„Mon pauvre enfant![6] Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.“
„Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.“
„Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt ... und dieser Lambert – du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen ... und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit dem Abbé ... Oh, mon cher, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen – sind sie wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber ... dann wäre es oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.“
„Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder und werden sie auch nie mehr haben.“
„Tiens!“[7] Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. „Da sagte mir gerade Alexandra Petrowna – vor drei Tagen, hehehe! – Alexandra Petrowna Ssinitzkaja – du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen haben –, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte, wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr zu fürchten hätte, – und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu mit einer solchen Schadenfreude: ‚Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder haben: gerade solche, wie Sie, haben sie unfehlbar! Sogar schon vom ersten Jahre an, das werden Sie sehen!‘ Hehehe ... Und alle glaubten sie plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz witzig.“
„Witzig, ja, und – beleidigend.“
„Nun, cher enfant, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber, daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine Alexandra Petrowna sagt – zählt denn das überhaupt?“
„Wie, wie sagten Sie?“ – griff ich schnell den Gedanken auf, „‚nicht ein jeder kann uns‘ ... das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert, von uns soweit beachtet zu werden – ein vorzüglicher Grundsatz! Und gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!“