„Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr oder nur ein Scherz?“

„Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen? Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten; denn, sieh mal ...“

„Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit, anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie, aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen ...“

„Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.“

„Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen – dieses Thema ist zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach, wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten, wenigstens einen Augenblick! – Oh, dann hätten Sie sie niemals so falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, also des Gegenteils der Liebe hervor, und da fragt nun Anna Andrejewna: ‚Lieben Sie sie?‘ Sollte sie denn wirklich so schlecht unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt, ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!“

„Aber, mein Lieber, mich deucht,“ – in seiner Stimme klang plötzlich etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur furchtbar selten vorkam – „mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit Damen verkehrst ... natürlich, so dich auszufragen, ist mir gewissermaßen ... gerade über dieses Thema, wie du sagtest ... Aber steht nicht auch ‚diese Frau‘ auf der Liste deiner neuen Bekannten?“

„Diese Frau ...“ meine Stimme zitterte plötzlich, „hören Sie, Andrei Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten vom ‚lebendigen Leben‘ sagten, – erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen ... Nun, sehen Sie, und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur ‚alle Laster‘ zu sehen geglaubt! Da haben Sie’s!“

Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich befand.

„‚Alle Laster‘! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!“ rief Werssiloff. „Aber wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten ein junger Mann in solchem Falle fähig ist ...“

In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches Lachen ... etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich.