„Mais suivez donc votre mère,“ sagte Antonina Wassiljewna zu mir, „il n’a pas de cœur cet enfant!“[59]
Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte wie: „Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.“
Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und – da konnte sie sich nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in Tränen aus und weinte über meinem Haupt.
„Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster ...“
Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:
„Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!“ murmelte sie schnell und bekreuzte mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht genug segnen. „Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...“
Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es gelang ihr aber nicht ...
„Nun, tut nichts, nimm’s mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, vielleicht kannst du’s brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab’ ich gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.“
Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.
Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf einmal – auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor Touchards, – es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung – nie werde ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht „ihre Schuld vor mir bekennen?“ wie ich mich später einmal fragte, lange nachher, – ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch viel mehr; denn „die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert wird mich noch mehr hauen,“ dachte ich.